Archiv der Kategorie: Astronomie & Musik

Weltraum-Oper „Solaris“ in der Oper Köln

„Solaris“ in Köln; Bernd Uhlig

Stanislaw Lems Roman „Solaris“ von 1961 ist ein Klassiker der Science-Fiction-Literatur, zu dem es bereits zwei bekannte Verfilmungen gibt und im Juli 2012 als Auftragsarbeit für die Bregenzer Festspiele seine Uraufaufführung auf der Opernbühne feierte. Im November kann man sich nun auch in der Domstadt am Rhein auf diese psychologische Reise zum alptraumhaften Wasserplaneten Solaris des Hamburger Komponisten Detlev Glanert machen. Gestern Abend fand die deutsche Erstaufführung der Oper „Solaris“ in Köln (weitere Artikel hier, hier und hier) statt, wobei wegen der laufenden Sanierung des Kölner Opernhauses auf den Musical Dome ausgewichen werden musste. Vordergründig geht es zwar um Schein und Sein angesichts eines Ozeans traumatischer Erinnerungen, aber für Glanert enthält der Stoff auch eine philosophische Komponente, „denn dahinter steht aber die Frage: Wie kommunizieren wir, warum suchen wir auch immer die andere Zivilisation im Weltraum und warum betreiben wir diese Neugiersforschung, warum halten wir das Alleinsein nicht aus?“ Die Reise in die unendlichen Weiten des Kosmos ist somit eigentlich eine Reise in unser Innerstes.

Die weiteren November-Vorstellungen der Oper Köln von Lems komplexem Weltraumdrama: 06., 08., 12., 14. (jeweils um 19:30 Uhr) und 16. November (um 18 Uhr). [Nico Schmidt]

Werbeanzeigen

Kölner Space-Musik und der Himmel über Hawaii

Michael Wilkes ist nicht nur Kölner Sternfreund des Köln-Bonner-Astrotreffs (KBA), sondern auch als Yog Sothoth in der Elektronikmusik-Szene unterwegs. Er wurde im März 2012 mit dem wichtigen Schallwelle-Preis als Newcomer 2011 ausgezeichnet und gab nach zwei veröffentlichten Alben in diesem Jahr ein erstes Konzert. Und wie man hier sehen kann, passt seine Space-Musik außerdem wunderbar zu bewegten Bildern des Himmels über Hawaii. Im neuesten Zeitrafferfilm von Michael Kunze, Astro- und Naturfotograf aus Moers, wurde der nächtliche Sternhimmel ebenso wie die atemberaubende Natur der Inselgruppe wirklich beeindruckend festgehalten. Ein früheres Ergebnis beider Michaels zeigt ebenfalls großartige Aufnahmen aus Australien mit Ambient-Klängen untermalt: Wolkenschatten auf dem Ayers Rock, sich verfärbende Felsen an einer Steilküste sowie die Kreise ziehenden Magellanschen Wolken und die totale Sonnenfinsternis von November 2012. [Nico Schmidt]

„2001: A Space Odyssey“ – ganz neu erfahren mit Live-Musik und in Großprojektion!

 
 

Kann man einen Tonfilm mit Livemusik aufführen, noch dazu mit einem ausgewachsenen Orchester (der NDR Radiophilharmonie) und einem großen Chor (dem NDR Chor) und das Ganze in einer riesigen Konzerthalle (der Kölner Philharmonie)? Man kann – und wie: so geschehen gestern Abend mit dem legendären Science-Fiction-Epos „2001: Oydssee im Weltraum“, das Stanley Kubrik nach Missfallen am bestellten Score kurzerhand mit erlesener Klassik von der Schallplatte unterlegt hatte. Die kam nun zur Gänze zu einer HD-Videoprojektion (die auch ein kurzzeitiger Beamer-Ausfall nicht bremsen konnte, just als HAL 9000 endgültig durchdrehte – „I’m sorry, Dave, I’m afraid I can’t do that“) auf einer Riesenleinwand auf den Schnitt-Punkt und Sekundenbruchteil genau – wie hat Dirigent Frank Strobel das nur gemacht? – zur Aufführung, von den zwei Strauss/ßen über Ligeti bis zu Chatschaturjan. Das Ton-Konzept Kubriks half: Dialoge und Soundeffekte (der Weltraum ist wirklich lautlos) kommen nur sparsam zum Einsatz und fast nie zusammen mit der Filmmusik.

Längere Musikpausen führten mitunter zu unfreiwilliger Komik, etwas als sich die „Dawn of Mankind“-Affenmenschen ausgiebig auf der Leinwand amüsierten, während das befrackte Orchester darunter nur ungerührt zuschauen konnte, aber das Gesamt-Ton-Bild erwies sich als überraschend stimmig. Beim Abspann – verlängert um allerlei Danksagungen für die zweiten Noten-Sortierer o.ä. – konnte das Orchester noch einmal alles geben, was das Publikum im weitgehend ausverkauften Saal mit frenetischem Beifall belohnte (der sogar die U-Bahn übertönt hätte). Und obwohl es nur eine 2K-Videoprojektion war, brachte auch der Film im Großformat manch neue Erkenntnis über die herausragende Qualität der nun schon 45 Jahre alten Visual Effects wie auch kuriose Einfälle beim Set Design. Etwa den ellenlangen Text der Gebrauchsanweisung der Zero-G-Toilette – ob man den in der 70-mm-Version wohl entziffern kann? Einen unverhofften Bonus hatte es vor Beginn der Aufführung gegeben, als Strobel einen Gast vorstellte: keinen geringeren als Jan Harlan, seines Zeichens Schwager Kubriks und Ausführender Produzent von dessen Filmen seit 1975. Bei den endlosen Debatten Clarkes und Kubriks über das unerhörte „2001“-Projekt saß er immerhin schon mal am Tisch, und auch bei der Premiere war er dabei – als 200 Zuschauer noch vor dem Ende die Flucht ergriffen.

Gerettet hätten „2001“ erst „junge Männer zwischen 12 und 25“, so Harlan (unter dem Gelächter der anwesenden Damen), die bald in Scharen und auch mehrfach in den Film gingen. Und nach Kubriks Tod wurde Harlan gar in den Vatikan eingeladen, wo „2001“ in einer zu einem Kino umgebauten Kirche (da hätte man im Vatikan ja genug von) zur Aufführung kam: Am Ende gratulierte ein Kardinal und meinte, der Agnostiker Kubrik habe trotzdem „ins Schwarze getroffen“. Optisch übrigens nicht ganz ohne Vorbild: Gar manche der Raumfahrt-Szenen zu Beginn des 2. Teils von „2001“ („Tycho Magnetic Anomaly-1“) sind Visionen der letzten 10 Minuten der „Straße zu den Sternen“ von Pawel Kluschanzew aus dem Jahre 1957 in vielen Details nachempfunden. Dessen sowjetische Komplettfassung ist hier (unter einem Jux-Trailer für „2001“ in modernem Kino-Stil und dem Originaltrailer von 1968) zu bestaunen: eine Dokumentation zur Raumfahrtgeschichte, -technik und -zukunft mit Spielszenen, die ebenfalls verblüffend zeitlos geraten ist. Schon erstaunlich und auch traurig, dass die meisten Spiel- wie Dokumentarfilme heute nicht mal mehr das erreichen, was Pioniere des Kinos schon vor einem halben Jahrhundert auf die Leinwand brachten … [Daniel Fischer]

Mathematische Sinfonie im Planetarium Bochum

Zeiss-Planetarium Bochum

Trotz der Schneemassen in NRW, die für einen ordentlichen Wintereinbruch am vergangenen Freitag sorgten, haben sich einen Tag später (08. Dezember) insgesamt sechs Mitglieder (plus Freunden) des Köln-Bonner-Astrotreffs (KBA) in Richtung Ruhrgebiet aufgemacht. Zum Besuch des Bochumer Planetariums lockte vor allem das abendliche Double-Feature aus „Fremde Welten – Fremdes Leben“ und „Chaos and Order“, worüber Daniel im Vorfeld bereits hier und hier gebloggt hatte. Die erste Show war etwas mit Science-Fiction angehaucht und wie der Name schon sagt, ging es hier um mögliche Orte für mikrobe Lebensformen im Sonnensystem, die Suche nach Exoplaneten und wie abgefahren die Flora und Fauna einer hypothetischen fernen zweiten Erde aussehen könnte; echte extrasolare Planetensysteme wurden mit 51 Pegasi, Kepler 16 und Gliese 677 C vorgestellt.

Rocco Helmchen, avmediadesign.com

Nach diesem bekannten Forschungsgebiet der Astronomie, folgte nach einer 15-minütigen Pause eine abstrakte Musikshow mit einer Bilderflut, die sich gewaschen hat. Alles was aus Zahlen besteht bzw. mit Zahlen beschrieben werden kann, wurde als atemberaubendes 3D-Kino an die Kuppel des Zeiss-Sterntheaters projiziert. „Chaos and Order“ ist aber keine trockene Vorbereitung für die nächste Mathematik-Vorlesung, sondern eine bildgewaltige mathematische Sinfonie in den vier Sätzen Form, Simulation, Algorithmus und Fraktal. Nach Max Tegmarks Zitat „Unser Universum wird nicht durch Mathematik beschrieben – es ist Mathematik“ zu Beginn der Show, tauchte man völlig in das komplette Lehrbuch des Mathematik-Studiums ein und wurde durch die erzeugten Bilder- und Klangwelten in das Gedankengebäude einer abstrakten Wissenschaft mitgerissen.

Zu Ambient-Klängen und anderen typischen Space-Sounds schwebten beispielsweise in „Form“ in Anlehnung an Kepler die platonischen Körper als Planeten durch den Raum, in „Simulation“ fanden sich natürlich kollidierende Galaxien und die kosmische Strukturbildung durch Dunkle Materie, im dritten Satz entfalteten sich Algorithmen zu verzerrten Rhythmen, dass man meinte, auf einem Mouse-on-Mars-Konzert zu sein, während es im abschließenden „Fraktal“ in die unendliche Tiefe der Mandelbrot-Menge ging. Dass aber mehrdimensionale Fraktale nicht immer chaotische Modelle sind, an denen zweifellos ein Grafik-Designer eines Science-Fiction-Films seine Freude hätte, zeigt etwa der Lorenz-Attraktor (Bild oben), der ebenfalls an eine wechselwirkende Galaxie erinnert.

Im Kontrast zu den vielen ungewohnten und bunten Visualisierungen komplexer Geometrien, abstrakter Theoriegebilde und anderer auf Zahlen basierender Konstrukte, gab es ebenso ruhig dargestellte Zwischeneinblendungen aus gewohnten Stadt- und Natureindrücken, bei denen sich auch die Augen erholen konnten. Entspannend war auch das lange Zwischenspiel „Der mathematische Himmel“, in dem mehrere Minuten lang einzig der Blick an den Nachthimmel aus nadelpunktfeinen Sternen geht. Mathematik am Sternhimmel fand sich in Zahlen auf einer Sternkarte, im scheinbaren Jahreslauf der Sonne und bei den Planeten im himmelsmechanischen Wettlauf zur nächsten Opposition wieder.

Hier der Trailer zu „Chaos and Order“ des Medienkünstlers Rocco Helmchen (Animation, Kamera, Schnitt) und des Sound-Designers Johannes Kraas (Soundtrack, Schnitt):

Ein Dank geht natürlich auch an die Planetariums-Leiterin Frau Hüttemeister, die uns Sternfreunde nach der Musikshow eine kleine Extra-Vorführung gab und noch einiges zum immer noch modernsten Zeiss-Projektor „Universarium IX“ (seit über 12 Jahren im Einsatz) und der neuen 2,7 Millionen Euro teuren Full-Dome-Darstellungstechnik mit 16 Megapixeln berichtete und erzählte, weshalb die über 9.000 analogen Sterne trotz der Digitaltechnik nicht so bald aussterben werden. Sehr sehenswert ist auch die aktuelle Ausstellung zum 50. Geburtstag der ESO, die sich die Astronomen in Garching 5.000 Euro haben kosten lassen und voraussichlich noch bis April 2013 kostenfrei im Planetarium besucht werden kann. [Nico Schmidt]

Musikabend mit astronomischen Daten am Keyboard

Nach den Musikabenden mit Beethoven und Argelander (hier und hier) sowie mit Wilhelm Herschels Sonaten (hier) – zufälligerweise auf den Geburtstag des Astromonen -, folgte am vergangenen Dienstag im Deutschen Museum Bonn der Abschluss der Reihe „Der musikalische Himmel“, in der auf wunderbare Weise Astronomie und Musik verbunden wurde. Statt Darbietungen mit klassischen Instrumenten wie bisher gab es in Paul Hombachs Vortrag „Sternenklänge“ moderne Keyboardsounds aus astronomischen Zahlen und Daten – diese Verklanglichung wird im Fachjargon Sonifikation genannt. Wie Norbert Junkes vom Bonner Max-Planck-Institut für Radioastronomie einleitend zum Vortrag bemerkte, vereint Paul Hombach die nur scheinbar gegensätzlichen Themen Musik und Astronomie. Vom Improvisationstalent, Musiker und Hobbyastronom konnte man sich erst kürzlich bei einem amüsanten Astrotainment-Abend im Springmaus-Theater überzeugen.

Im Museum widmete er sich 90 Minuten lang dem Thema Sonifikation. Seit fast 20 Jahren sonifiziert der Sternfreund – damals waren es die Bahnverhältnisse von Merkur mit seiner scheinbaren Höhe – und stellte in seinem Vortrag viele Klangbeispiele aus astronomischen Daten vor. Aus Kalenderdaten (gregorianischer Kalender, Osterdatum), Himmelsmechanik (u.a. Bahnverhältnisse der inneren Planeten, von Mond und Venustransite), veränderlichen Sternen sowie Sternbildern entstanden live am Keyboard Sonifikationen und zum Schluss – am Beginn von allem angelangt – wurde sogar die Frage beantwort: Wie klingt der Urknall? Natürlich fehlten auch seine Pulsarklänge für jeden Musikgeschmack nicht und außerdem schloss sich hier der Kreis zu Beethoven und Argelander aus dem ersten Musikabend, als der Asteroid (1815) Beethoven hörbar an den Sternen in Argelanders „Bonner Durchmusterung“ vorbeizog (3. Bild). Das Klangspektrum an diesem Abend vor dem Teilchenbeschleuniger war breit gefächert: Neben neuzeitlicher experimenteller Musik von John Cage oder Karlheinz Stockhausen hörte man bei Paul Hombachs Sternenklängen auch klassische Komponisten wie Bach, Mozart oder eben Beethoven raus. [Nico Schmidt]

Amüsante Space Night auf der Kabarettbühne

Nach der Vorpremiere im Oktober in Sankt Augustin, spielte Paul Hombach gestern Abend das Programm „Ab ins All“ auf seiner Haus- und Hofbühne in der Bonner Springmaus. Denn der Musiker und Hobbyastronom ist schon seit 21 Jahren Ensemble-Mitglied des Impro-Theaters Springmaus, das diesen Monat 30 Jahre alt wird. Und dass der Sternfreund auch ohne seine Bühnenkollegen einen amüsanten Abend bereiten kann, hat er bei seinem ersten Solo-Springmaus-Auftritt auf jeden Fall bewiesen. Der Theatersaal war gut gefüllt und sogar Astronaut Reinhold Ewald befand sich unter den Besuchern. In der Zwei-Stunden-Show, die mit dem Star-Trek-Intro begann, hat Paul Hombach wunderbar gezeigt, dass die Astronomie sehr wohl gut unterhalten und u.a. auch mit schwarzem Flügel und Keyboard musikalisch zu Gehör gebracht werden kann. Und um die Verklanglichung – die Sonifikation – von astronomischen Daten ganz simpel zu erklären, wurde erstmal der Geburtstag einer Dame im Publikum – die auch noch runden Geburtstag feierte – sonifiziert und sofort am Klavier hörbar gemacht.

Besonders im ersten Teil des Abends gab es Beispiele astronomischer Sonifikationen zu hören. Es wurden Osterdaten und Venustransits vertont, dem Sonnensystem wurde ein 800 Millionen Kilometer langes Keyboard in den Weg geschmissen, ein Komponist traf sich mit seinem Asteroiden bei „Beethoven in Space“ oder die Pulsare gaben als kosmische Taktgeber den Beat gleich selber vor. Die hörbaren Funk-, Jazz- und Dance-Pulsare zeigen, dass diese winzigen und kompakten Sternleichen tatsächlich ordentlich Rhythmus im Neutronensternplasma haben.

Beim Thema Venustransit durfte natürlich der Hombach’sche Datenpunkt auf der südafrikanischen Transit-Sonderbriefmarke nicht fehlen.

Im zweiten Programmteil, in dem nicht gekleckert, sondern geklotzt wurde, wurde nichts weniger als das gesamte Universum (mit seinen 70 Trilliarden Sternen) in tausender Schritten vermessen. Nach dem Eifelturm als Startpunkt ging es durch die Atmosphäre, wo uns gleich ein Überschall-Österreicher entgegen kam, direkt in Richtung Mond. Nach einer maßstabsgetreuen Darstellung der Sonne neben Erde und Mond …

… folgte ein Besuch bei Mars inkl. Curiosity und abstrakten Landschaftsgemälden in der rostfarbenen Steinwüste.

Auf der Reise verblasste der blaue Planet Erde sehr schnell zu einem Lichtpunkt hinter den  Saturnringen und viele Milliarden Lichtjahre weiter entfernt, gewissermaßen am Rand des Universums, tauchte das Grundgerüst des Kosmos auf. Während der Hobbyastronom am Klavier spielte und dazu die rätselhafte Dunkle Materie umschrieb, flog das gesamte Publikum durch die in Filamenten angeordneten Superhaufen, die den Synapsen in einem Gehirn ähneln.

„Ab ins All“ war ein kompletter astronomischer Rundumschlag: Angefangen vom aktuellen Sternhimmel mit Sternbildmythen, über Himmelsmechanik, unser Sonnensystem, Astronomiegeschichte sowie Sternphysik und bis zu Themen der Raumfahrt und Kosmologie war quasi der Astronomieunterricht eines ganzen Schuljahres dabei. Und egal ob tanzende Polarlichter über den Lofoten, dunkle Nächte in Kärnten, das kosmische Synapsen-Netzwerk oder die Bach’sche Venus-Komposition – alles wurde wunderbar mit Klavier oder Keyboard untermalt. Die amüsante Space Night bot auf jeden Fall den richtigen Mix aus Unterhaltung, Information, Astronomie und Musik – bestes Astrotainment eben.

Übrigens: Am 04. Dezember wird Paul Hombach mit dem Thema Sonifikation die Vortragsreihe „Der musikalische Himmel“ im Deutschen Museum Bonn abschließen. [Nico Schmidt]

Ein Musikabend zu Herschels Geburtstag … mit seinen Sonaten

Gestern Abend brauchte es nur ein sehr altes Tafelklavier, eine Barockvioline und ein Barockvioloncello, um einen ganz großen Mann der Astronomiegeschichte, Wilhelm Herschel, einmal auf ganz andere Weise kennenzulernen. Denn nach einem Argelander-Beethoven-Musikabend im Oktober (Berichte hier und hier), dem Auftakt zur Reihe „Der musikalische Himmel“, erklangen im Deutschen Museum Bonn klassische Sonaten des Astronomen Herschel. Und so sprach Michael Geffert, seines Zeichens Astronom, Chorleiter und Wissenschaftsvermittler, in dem astronomiehistorischen Vortrag nicht nur über Wilhelm Herschel als Spiegelschleifer, Fernrohrbauer, Himmelsbeobachter, Ersteller von Doppelstern- und Nebelkatalogen, Vermesser der Milchstraße und Entdecker der Infrarotstrahlung und bekanntermaßen des Planeten Uranus, denn vor seiner Karriere als Astronom war er in den 1760er und 1770er Jahren vor allem Musiker.

Der von Hannover nach England ausgewanderte Herschel war Militärmusiker, Organist, Konzertleiter, Musiklehrer, Komponist und gab sogar seiner Schwester Caroline, die dann eine bekannte Sopran-Sängerin wurde, Gesangsunterricht. Um 1775 begann er sich für den Nachthimmel zu interessieren, was schließlich zu einer neuen Leidenschaft wurde. Die Wohnung des Musiklehrers „sei angehäuft mit Globen, Karten, Teleskopen, Spiegeln usw., unter denen ein Klavier verborgen war, und das Violoncello, wie ein weggeworfenes Spielzeug, lag versteckt in einer Ecke“, erinnerte sich sein Schüler John Bernard. Und wie Herschel festhält, wurden von den Musikschülern plötzlich Astronomie- statt Musikstunden gewünscht.

Zwichen den Vortragsblöcken wurde der Astronom als Musiker lebendig, als mit Klavier, Violine und Violoncello drei von Herschel komponierte Sonaten gespielt wurden. Sie erschienen im Selbstverlag am 01. Oktober 1769, eine Woche später erreichte James Cook nach dem beobachteten Venustransit die Nordinsel von Neuseeland. Während die Stücke aufgeführt wurden, fühlte ich mich direkt zurückversetzt, in eine Zeit als Goethe und Schiller ihre ersten Texte schrieben, Mozart an Opern arbeitete und Humboldt noch Hausaufgaben machte. Und die Astronomie kannte noch keine Galaxien, Planetarischen Nebel und Kugelsternhaufen, weder Sternentfernungen, Urknall, Spektrallinien, Rotverschiebung, noch die Energiequelle der Sterne. Eigentlich bestand der Nachthimmel nur aus fünf Planeten, Kometen und geheimnisvollen Nebelflecken und in dieser Zeit wurde der angesehene Herschel, ein englischer Gentleman, zu einem Handwerker, Erfinder und autodidaktischen Astronomen.

Die gespielten Herschel-Sonaten waren gleichzeitig sogar ein Geburtstagsständchen für den Astronomen, der heute vor genau 274 Jahren in Hannover geboren wurde. Ein Besucher meinte im Anschluss ganz treffend, dass sich Wilhelm Herschel auf zweierlei Arten für Punkte interessierte: Für Sternpunkte auf der Karte und für die Notenköpfe – und mit den Fähnchen sehen die Noten doch gleich wie Schweifsterne aus. An diesem wunderbaren astronomischen Musikabend hat auf jeden Fall ganz richtig eine „starke Wechselwirkung“ stattgefunden, wie es der Gastgeber Ralph Burmester mit den Worten eines Physikers beschrieb. Wann sieht man schon ein Klavier von 1804 vor einem Teilchenbeschleuniger, unter einem Röntgenhimmel und hört Sonaten eines berühmten Astronomen?

Im Anschluss brachte noch kurz Sternfreund Paul Hombach das Broadwood-Tafelklavier von Michael Gefferts Bruder Johannes zum Klingen. Am 04. Dezember wird der bühnenerfahrene Hobbyastronom mit einem Keyboard das Thema Astronomie und Musik in die Neuzeit bringen, doch schon am kommenden Montag ist er auf seiner Haus- und Hofbühne der Springmaus mit einem amüsanten Astronomie-Programm (Artikel des Kölner Stadtanzeigers) zu sehen.

[Nico Schmidt]

Die „Bonner Durchmusterung“ als Klangexperiment

Die „Bonner Durchmusterung“ ist nicht nur ein vor 150 Jahren in drei Bänden veröffentlichter Sternkatalog und das größte astronomische Werk Bonns, sondern auch der Name eines Klangexperiments des Komponisten Marcus Schmickler und des Audio-Informatikers Alberto de Campo. Die Idee zu diesem ungewöhnlichen Musikprojekt entstand 2009 zum Internationalen Jahr der Astronomie und wurde von Dr. Michael Geffert, Bonner Astronom am Argelander-Institut für Astronomie (AIfA) und Dr. Kerstin Jaunich vom Deutschen Musikrat initiiert.

Im Rahmen der Klangkunstreihe „sonarisationen“ kann man sich aktuell auf der Homepage des Deutschlandradio Kultur einen einstündigen Beitrag anhören, in dem die Sound-Tüftler über die Arbeit an ihrer persönlichen „Bonner Durchmusterung“ berichten. Herausgekommen sind zehn Stücke abstrakter elektronischer Musik voller experimenteller Klanglandschaften, die auf der Projektseite www.durchmusterung.org veröffentlicht worden sind.

Übrigens widmet sich dem Thema Sonifikation von astronomischen Daten ein Vortrag am 04. Dezember im Deutschen Museum Bonn. [Nico Schmidt]

„Beethoven und die Bonner Durchmusterung“

So etwas wie die Veranstaltung gestern im Deutschen Museum Bonn kann es eigentlich nur in dieser Stadt geben: ein Beethoven-Konzert, gemischt mit lokaler Astronomiegeschichte der letzten 200 Jahre – mit einem Bonner Astronomen (Michael Geffert) am Pult und seinem Bruder (Johannes Geffert, mit Gerald Hambitzer) an einem Broadwood-Piano von 1810 aus dem Besitz des letzteren sowie einer Sängerin (Marie Seidler). Eröffnet von der mitreißenden Klaviersonate für vier Hände D-Dur Op. 6 – die besten online aufzutreibenden Interpretationen von erstem und zweitem Satz – reichte das Spektrum von den Anfängen der Bonner Astronomie, die erst im Zusammenhang mit einer Ausstellung im IYA 2009 intensiv erforscht worden war, bis zu den Asteroidenentdeckungen durch Bonner Astronomen. Den Zusammenhang zum Bonner Star-Komponisten Beethoven stellte dabei der Kleinplanet Nr. 1815 her, allerdings eine Heidelberger Entdeckung und mit 18 mag. Oppositionshelligkeit Ende des Jahres auch keine große Leuchte. [Daniel Fischer. NACHTRAG: ein weiterer Bericht vom Abend]

„Chaos and Order“: eine Planetariumsshow ohne Beispiel

Gestern Abend war Premiere, und ab dem 20. Juli kann sie alle paar Wochen im Planetarium Bochum bestaunt werden: „Chaos and Order – A Mathematic Symphony“, eine Fulldome-Video-Show, die völlig aus dem Rahmen fällt. Erdacht und realisiert vom AV-Künstler Rocco Helmchen (in den Premieren-Fotos unten links), der sich selbst als Astronomy-Lover und Geek bezeichnet, hat sie nur am Rande mit dem Weltraum zu tun: Gezeigt werden nacheinander und immer in Bewegung zahlreiche spektakulär raumgreifende mathematische Gebilde und dreidimensionale Visualisierungen (Stills oben), die zwar durch kurze Einblendungen jeweils beim Namen genannt werden, ansonsten aber nur durch ihre Ästhetik wirken – und Teil einer echten Symphonie in vier Sätzen und mit Zwischenspiel sind. In zwei Jahre währendem engem Wechselspiel mit der Umsetzung von Helmchens aufwändigen Computergrafiken schrieb Johannes Kraas (in den Fotos rechts) die Musik dazu und spielte sie auch komplett selbst ein: Der 4-Minuten-Trailer hier mag einen vagen Eindruck von dem Gesamtwerk vermitteln, wobei man sich das runde Bild in eine Halbsphäre projiziert denken muss.

In Worten beschreiben lässt sich „Chaos and Order“ – das bereits eine Auszeichnung gewann – kaum, zu vielfältig sind die mathematischen Konstrukte, die über die Kuppel huschen, und die Ideen bei ihrer visuellen Umsetzung. Die manch verwegene Assoziationen wecken mögen, etwa bei simuliertem Fließen an den flüssigen T-1000 aus „Terminator 2: Judgment Day“ oder im letzten und dramatischsten Satz an die Maschinen aus „The Matrix Revolutions“: Die finalen Flüge durch dreidimensionale Fraktalgebilde in wüst ‚ausgeleuchtetem‘ Science-Fiction-Look würden jedem Kino-Blockbuster zur Ehre gereichen. Das neue Medium Fulldome-Video wird hier bis an die Grenzen ausgereizt und kreiert ein fast beängstigendes Immersions-Erlebnis. Die immer wieder auf’s Neue überraschende Bilderpracht und die facettenreiche Musik harmonieren dabei auf’s Vortreffliche, und etwas Ruhe kehrt nur im Zwischenspiel ein, wenn – jedenfalls in der Bochumer Urfassung – statt der High-End-Videoprojektoren der klassische Sternenprojektor das Sagen hat und mit diversen eingeblendeten Skalen kosmische Mathematik an die Kuppel wirft. Bis das atemberaubende Fulldome-Spektakel auf Neue einsetzt. [Daniel Fischer. NACHTRÄGE: weitere Artikel hier und hier – und ein paar Minuten an der Kuppel abgefilmt!]