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Ausstellung über spektakuläre Kometen – gezeichnet im 19. Jh. – in Bonn

Ort: Argelander-Institut für Astronomie, Auf dem Hügel 71, 53121 Bonn-Endenich

Datum und Uhrzeit: Ausstellung geöffnet: 5. – 10. Oktober, jeweils von 17 bis 20 Uhr;
Finissage mit Vortrag: 9. Oktober, 19 Uhr

Gestaltung der Ausstellung und Referent des Vortrags: Michael Geffert, Argelander-Institut für Astronomie der Universität Bonn

Das Argelander-Institut für Astronomie der Universität Bonn zeigt noch heute von jeweils 17 bis 20 Uhr zeichnerische Dokumente der ersten astronomischen Beobachtungen an den damals neuen Sternwarten in Bonn und in Düsseldorf-Bilk. Präsentiert werden Beobachtungen von Kometen und anderen Objekten in der Eingangshalle des Instituts, Auf dem Hügel 71, in Bonn-Endenich. Am Freitag, den 9. Oktober, gibt es am selben Ort um 19 Uhr eine dreißig minütige Einführung zu den Beobachtungen, die der damalige Observator Julius Schmidt (1825-1884) zeichnerisch in seinen Tagebüchern festgehalten hat.

Julius Schmidt

Als vor einigen Jahren im Archiv des Bonner Argelander-Instituts Unterlagen von Julius Schmidt auftauchten, konnte noch niemand erahnen, welches bedeutende Erbe da in den eigenen Kellerräumen lagerte. J. F. Julius Schmidt wurde 1825 in Eutin geboren und fing in Hamburg mit seinen astronomischen Forschungen an. Mit der Übersiedlung nach Düsseldorf im April 1845 begann Schmidt mit intensiven Aufzechnungen in seine Tagebücher. Auch hielt er seine Beobachtungen in Form von zahlreichen kleinen Skizzen und Zeichnungen fest. Im Februar 1846 kam der junge Wissenschaftler dann zu dem Bonner Astronomen F.W.A. Argelander (1799-1875) an dessen neue Sternwarte in der Poppelsdorfer Allee in Bonn und setzte die Aufzeichnungen fort.

Nach 1853 verließ er Bonn und wurde 1858 schließlich Leiter der Sternwarte in Athen, wo er 1884 starb. Schmidt primäres Interesse war das Beobachten astronomischer Phänomene. Seinen großen Ruhm als Zeichner erwarb er sich vor allem durch einen Mondatlas, der 1878 veröffentlicht wurde. Über frühe Zeichnungen war vor dem Bonner Fund nichts bekannt. Unklar ist auch, wie der Nachlass von Julius Schmidt wieder nach Bonn gekommen ist. Die jetzt in Bonn gefundenen Bücher belegen aber eindrucksvoll, mit welcher Intensität sich der junge Astronom in Düsseldorf-Bilk und Bonn der visuellen Himmelsbeobachtung widmete und mit welcher Beständigkeit er die Himmelsereignisse protokollierte. Für Bonn ist dieser Fund einmalig, da es sonst aus dieser Zeit keine Bilder etc. zu astronomischen Beobachtungen gibt.

Astronomische Höhepunkte der Jahre 1845 und 1846

Auf die Arbeit von Julius Schmidt motivierend wirkten sich vermutlich die besonderen astronomischen Höhepunkte der Jahre 1845 und 1846 aus. Im Juni entdeckte Schmidt mit bloßem Auge in Düsseldorf (mit anderen Kollegen in ganz Europa) den großen Junikometen 1845. Er verfolgte einen Merkurdurchgang, ein Sonnenfleckenmaximum und eine besondere Marsopposition. Nach seiner Übersiedlung nach Bonn war es zunächst Komet Biela, dessen spektakuläre Aufspaltung von ihm protokolliert wurde. Neben weiteren Beobachtungen von Kometen galt sein Interesse auch dem neuentdeckten Neptun und den ersten Entdeckungen kleiner Planeten. Etliche dieser Beobachtungen sind jetzt in der Ausstellung in der Eingangshalle des Argelander-Instituts in Endenich zu sehen. [Michael Geffert. NACHTRAG: viele weitere Bilder der Ausstellung im Detail]

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Eine Astronomische Vortragsreihe in Bonn etabliert sich

Über 60 Zuhörer fanden sich heute im AIfA in Bonn zu einem Vortrag von Michael Geffert ein: Die historisch angehauchte Reihe im Rahmen der Sammlung Historischer Himmelsaufnahmen hat inzwischen ein solides Stammpublikum gefunden, mit den nächsten Themen Mond am 11. September und Julius Schmidts Himmelszeichnungen am 9. Oktober – letzteres im Rahmen der Ausstellung „Spektakuläre Kometen“, die vom 5. bis 10. Oktober in der Einghangshalle des Argelander-Instituts stattfinden wird. Aber auch sonst gibt es nach den Vorträgen immer noch ein Extra – diesmal über Waltraut Seitter, die vor genau 50 Jahren als erste Astronomin in Deutschland promovierte:

[Daniel Fischer]

Die „Sternstunde“ drehte am AIfA

Für die März-Ausgabe des Astronomie-Magazins „Sternstunde“ – außer auf YouTube auch dreimal täglich über Satellit verbreitet – wurde gerade am und im Argelander-Institut für Astronomie in Bonn gedreht …

… u.a. mit Georg Dittie über Teleskop-Ausrichtung und Michael Geffert über die Sammlung historischer Himmelsaufnahmen. Oben ein Trailer (mit einem Interview-Ausschnitt zur Ankunft Dawns bei Ceres): Die komplette Sendung gibt’s am 1. März unten. [Daniel Fischer]

Astroabend am Argelander-Institut am 19. Juli: erst ein historischer Vortrag, dann eine besondere Saturn-Party!

winken

Ein ungewöhnliches Doppel-Paket Astronomie haben das Argelander-Institut für Astronomie (AIfA), der Köln-Bonner-Astrotreff (KBA) und die Sternfreunde Siebengebirge für den kommenden Freitagabend schnüren können: Erst gibt es – bereits ab 18:30 Uhr MESZ – die Möglichkeit von Sonnenbeobachtung vor nämlichen Institut in Bonn-Endenich, dann als erstes Highlight um 19:00 Uhr einen rund 45-minütigen Vortrag von Michael Geffert über den alten Doppelrefraktor, der früher einmal in Poppelsdorf stand. Es folgt eine kurze Präsentation zur aktuellen Saturnforschung und warum der 19. Juli 2013 dabei ein Tag mit besonderer „Bedeutung“ für die Erde ist. Und ab ca. 21:15 Uhr können – weiterhin gutes Wetter vorausgesetzt – vor dem Institut Venus, Mond und schließlich Saturn mit Teleskopen von KBA, VSB und Sternfreunden Siebengebirge beobachtet werden, wobei der Abend gegen 23:30 Uhr mit einer Teilnahme an der globalen Aktion „Winkt dem Saturn“ seinen Abschluss findet.

Dieses kleine Gebäude an der Poppelsdorfer Allee 47 kann man schnell übersehen, da es hinter dem großen Backsteinbau von Bonns Alter Sternwarte steht. Seit 1976 ist der Bau mit der grauen Kuppel das Domizil der Volkssternwarte Bonn (VSB); es wurde vor 115 Jahren errichtet und beheimatete bis in die 1960-er Jahre das größte Teleskop der Stadt: ein 5 Meter langes Doppelfernrohr, das parallel fotografisch und visuell genutzt wurde. Die über ein Jahrhundert alte Geschichte des Bonner Doppelrefraktors (36 cm Öffnung, 5,4 m Brennweite [visuell] bzw. 30cm Öffnung, 5,1m Brennweite [fotografisch]) ist Thema des Vortrags von Michael Geffert ab 19:00 Uhr: Der Eintritt ist frei und die Veranstaltung auch aber keineswegs nur für Kinder gedacht.

Anschließend dann ein großer Sprung zur modernen Saturnforschung, gefolgt von der Live-Beobachtung der Venus, des Mondes und schließlich – ab etwa 22:15 Uhr – auch des Saturn selbst. Und zwischen 23:27 und 23:42 Uhr wird es dann kurios, wenn es „Winkt dem Saturn“ heißt: Licht, das die Erde in dieser Viertelstunde Richtung Saturn verlässt, wird 80 Minuten später von einer Kamera auf dem Orbiter Cassini eingefangen, der in dieser Nacht eine spektakuläre Gegenlichtaufnahme Saturns – mit der Erde winzig aber deutlich – im Bildfeld aufnimmt: Jeder darf sich dann als Teil dieses Bildes fühlen …

Michael Gefferts Vortrag findet übrigens im Rahmen der „Sammlung historischer Himmelsaufnahmen“ (Seite 26) statt, zu der es bereits im Frühjahr drei Vorträge (z.b. diesen) gab. Nun folgen drei weitere Termine zur Astronomiegeschichte von Bonn:

19. Juli um 19:00 Uhr: „Der Bonner Doppelrefraktor – Geschichte eines ungewöhnlichen Fernrohrs“

16. August um 19:00 Uhr: „Sternhaufen – Meilensteine im All“

18. Oktober um 19:00 Uhr: „Messier 42 – Der große Nebel im Sternbild Orion“

[Nico Schmidt, mit neuen Entwicklungen mehrfach AKTUALISIERT von Daniel Fischer]

Von Linien und Punkten, Zwergen und Riesen

Blickt man in einer klaren Nacht hoch an das Himmelszelt, so erscheinen die unzähligen Sterne nur als bloße Lichtpunkte, doch mit der Entdeckung der sog. Fraunhoferlinien – nach dem genialen Optiker Joseph Fraunhofer benannt – vor ziemlich genau 200 Jahren im bayrischen Benediktbeuern war der Schlüssel zur direkten Erforschung der Gestirne gefunden – selbst wenn die zu untersuchenden Studienobjekte Lichtjahre weit entfernt sind. Vor etwa 150 Jahren begründeten schließlich der Physiker Gustav Kirchhoff und der Chemiker Robert Bunsen in Heidelberg die Spektralanalyse und begannen den im Sternlicht versteckten „Strichcode“ zu verstehen; das vor 100 Jahren erdachte Hertzsprung-Russell-Diagramm (HRD), basierend auf der Entdeckung von Sternriesen und -zwergen durch Ejnar Hertzsprung und Henry Norris Russell, war ebenfalls ein wegweisender Meilenstein für die Stellarastronomie. Diese spannende Entwicklung in der Astronomie hat Michael Geffert in einem Vortrag am 31. Mai im Kontext zur Bonner Astronomiegeschichte dargestellt. Während zu Argelanders Zeiten an der alten Sternwarte in Poppelsdorf noch einige der ersten Sternentfernungen bestimmt wurden, hielt ab 1900 mit der Aufstellung des großen Doppelrefraktors in einem nebenstehenden Kuppelbau (heute Heimat der Volkssternwarte Bonn (VSB)) die Spektroskopie Einzug in die Bonner Astronomie.

Vor allem sind hier Karl Friedrich Küstner und Waltraut Seitter zu nennen. Küstners Arbeitsgebiet war die Bewegungen von Sternen und Kugelsternhaufen und so bestimmte er spektroskopisch u.a. Radialgeschwindigkeiten (Bild 3 zeigt ein Spektrum des Sterns alpha Ari), wobei dies umgekehrt sogar Rückschlüsse auf die Bewegung der Erde um die Sonne zulässt. Mit 18 Spektren des hellen Sterns Arktur (alpha Boo), aufgenommen im Juni/Juli 1904 und Dezember/Januar 1905, konnte Küstner aus den Verschiebungen von Spektrallinien auf die Erdgeschwindigkeit und damit auf den Abstand von der Erde zur Sonne – Astronomische Einheit (AE) genannt – bestimmen. Dazu gibt es auch Praktikumsaufgaben „für Schlechtwetter-Astronomie“ (ohne Lösung, mit Lösung). 60 Jahre später folgte dann der von Waltraut Seitter erstellte „Bonner Spektralatlas“, die erste Habilitationsschrift einer Astronomin in Deutschland. Und es wurde sogar versucht, ob mittels Spektroskopie Aussagen über den Aufbau unserer Umgebung in der Milchstraße (Bild 4) möglich sind.

Nach dem für mich sehr interessanten Vortrag, obwohl es eigentlich nur um die Analyse von Linien ging, wurde erneut die vor einem Jahr geschlossene Bonner Universitätssternwarte auf dem Hohen List in der Eifel thematisiert. Wie es hieß, wird es wohl sehr wahrscheinlich dazu kommen, dass die großen Teleskope deutschlandweit ausgeschrieben werden. Das 1953 aufgestellte Schmidt-Teleskop (50 Zentimeter Spiegel, 34 Zentimeter Öffnung, 1,4 Meter Brennweite), mit dem der „Bonner Spektralatlas“ entstand, ist glücklicherweise schon gerettet und soll beim Käufer als Gartensternwarte genutzt werden. Und das 170 Jahre alte Heliometer Argelanders ist endlich für die Öffentlichkeit zugänglich und kann ab sofort im neuen Universitätsmuseum besichtigt werden.

Anschließend konnte man noch einen Blick in den Raum der entstehenden „Sammlung historischer Himmelsaufnahmen“ werfen, auch wenn diese eigentlich noch rudimentär über drei Räume verteilt ist. Ein paar historische Geräte waren zu sehen und auf zwei Tischen lagen ausgebreitet alte Arbeitsmaterialien: Darunter Blätter des „Bonner Spektralatlas“ mit einem Massenspektrometer links (Bild 5), das im Sommer 1983 und Anfang 1984 bei zwei Space-Shuttle-Missionen mitflog, sowie eines von drei Objektivprismen des Schmidt-Teleskops (Bild 6), das dem Bonner Astronomen Theodor Schmidt-Kaler mal auf den Fuß fiel, wie Herr Geffert erzählte. Außerdem versuchten sich einige Besucher mit kleinen Bastel-Spektroskopen am Erkennen der Fraunhoferlinien im Sonnenlicht und tatsächlich war schwach aber immerhin der Schlüssel zur Physik der Sterne darin sichtbar.

Übrigens wird die astronomiegeschichtliche Reihe zur „Sammlung historischer Himmelsaufnahmen“ im Spätsommer erneut mit drei Vorträgen fortgesetzt, wobei im August ein Vortrag zum Bonner Doppelrefraktor folgen wird. Und wer Näheres zur Geschichte des vor genau 100 Jahren entstandenen Hertzsprung-Russell-Diagramms erfahren möchte, dem sei noch die nächste Ausgabe der Zeitschrift „interstellarum“ empfohlen; das Heft 89 erscheint am 19. Juli. [Nico Schmidt]

In Gedenken an Hilmar Duerbeck und Waltraut Seitter

„Zu den bedeutenden, aber eher dezent im Hintergrund wirkenden Astronomen in Deutschland gehörte Hilmar Duerbeck.“ So erinnerte letzte Woche noch der Deutschlandfunk an den außergewöhnlichen Astronomiehistoriker Hilmar W. Duerbeck (1948 – 2012), der plötzlich und unerwartet am 05. Januar 2012 in seinem Haus in der Eifel verstarb. Er wurde nur 63 Jahre alt. Etwas über ein Jahr nach seinem frühen Tod fand gestern in Bonn ein Gedenkkolloquium statt, das federführend Wolfgang Dick vom Arbeitskreis Astronomiegeschichte der Astronomischen Gesellschaft (AG) zusammen mit Christiaan Sterken und mit Michael Geffert als Gastgeber veranstaltete.

Dick, der viele Jahre mit ihm im AG-Arbeitskreis als Herausgeber zusammenarbeitete und nun die Geschichte des Astronomiegeschichtlers Duerbeck für einen Gedenkband aufarbeitet, gab einen Überblick über sein Leben und Wirken, es ging um die „großen Linien in Hilmar Duerbecks Leben“. Dabei staunt er selbst sogar über vorher unbekannte Dinge, über die Fülle seines geistigen Schaffens, und findet u.a. heraus, dass sein Kollege ursprünglich Dürbeck hieß und dann ab 1973 die internationale Schreibweise Duerbeck verwendete.

Die veränderlichen Sterne, besonders die Novae, waren die Lieblingsobjekte des Bonner Astronomen Duerbeck, doch schon kurz nach seiner Doktorarbeit über VV Ori, eingereicht im Jahr 1974, erstellte er eine Bibliografie der astronomischen Literatur der Uni Bonn. Im Laufe der Zeit wurde die Beschäftigung mit astronomiegeschichtlichen Themen immer intensiver, vor allem in seinen letzten 10, 20 Jahren. Über eine Arbeit zu Carl Wirtz, für die er sogar mit seiner Enkeltochter sprach, kam der Historiker schließlich mit der Geschichte der Kosmologie in Berührung. Durch eine viel beachtete Arbeit, „surely was a ground-breaking piece of historical research“, trat sogar der Kosmologe Georges Lemaître endlich aus Hubbles Schatten heraus.

Hilmar Duerbeck, war nicht nur national sondern auch international angesehen, was sich auch an zwei englischsprachigen Kolloquiumsbeiträgen zeigte. Zahlreiche Lehrtätigkeiten führten ihn ins Ausland, er betreute u.a. Disserationen an der James Cook University in Australien und wurde Mitglied in verschiedenen IAU-Komissionen, zuletzt seit ca. 2003 in der IAU Commission 41 für Astronomiegeschichte. Als Mitglied einer Venustransit-Arbeitsgruppe beschäftigte er sich hier intensiv mit der Historie von Venusdurchgängen.

Das Gedenken an den Menschen Hilmar W. Duerbeck wäre aber nicht vollständig, ohne gleichzeitig an seine Frau Waltraut C. Seitter (1930 – 2007) zu erinnern, mit der er seit 1975 verheiratet war und die nach langer Krankheit etwa vier Jahre vor ihm am 15. November 2007 verstarb, heute aber nicht einmal ein Grab besitzt. So ging es in dem Gedenkkolloquium nicht nur um die Blütezeit der Bonner Eifel-Sternwarte Observatorium Hoher List (OHL), sondern auch um die bewegte Geschichte der Astronomie in Münster, wohin sie 1975, im Jahr ihrer Hochzeit, als erste Astronomie-Professorin berufen wurde.

In Bonn hatte sie sich 1965 habilitiert und bereits mit dem zweibändigen „Bonner Spektralatlas“ – die zwischen 1963 und 1968 am Schmidt-Teleskop in der Eifel aufgenommenen Daten wurden um 1970 veröffentlicht – ein ehrgeiziges Projekt abgeschlossen. Und unter ihrer Leitung erlebte schließlich die Münsteraner Astronomie eine Blütezeit. Michael Nolte, dessen umfangreicher Vortrag zweigeteilt werden musste, konnte ausführlich aus erster Hand über diese Zeit berichten, wie in den 80er und 90er Jahren unter Waltraut Seitter erste Computer und zwei große sog. Mikrodensitometer in den siebten Stock zur Analyse von Fotoplatten angeschafft wurden und wie um 1990 in HTML die erste Instituts-Homepage auftauchte. Mit diesen PDS-Geräten gingen die Astronomen in Münster ein gewaltiges Kosmologie-Projekt – das Münster Redshift Project (MRSP) – an, bei dem 7 Millionen Galaxien vermessen wurden, um vor der Ära der Weltraumteleskope und Großteleskope etwas über die Verteilung von Galaxienhaufen zu erfahren.

Aber bei allen Zahlen und Fakten aus dem außergewöhnlichen Leben von Hilmar Duerbeck und seiner Frau Waltraut Seitter, erhielt man in den Vorträgen stets auch einen persönlichen Eindruck von den beiden Astronomen, die zwar in der Welt zuhause waren, aber immer in ihr Haus in Schalkenmehren zurückkehrten. Gewissermaßen waren sie Jahrzehnte lang sowas wie die Nachbarn des großen Eifel-Observatoriums, immerhin wohnten sie im letzten Haus in der Straße, die hoch zu den Teleskopkuppeln auf dem Hohen List führt – so sind sie doch immer Bonner Astronomen geblieben.

Enge Freunde, ehemalige Kollegen und Referenten erinnerten sich auf ihre eigene Art an das Ehepaar Duerbeck/Seitter. Andreas Hänel erinnerte sich an Kartoffelsalat mit Würstchen, an Weihnachtsfeiern mit Bowle dachte man, eine astronomische Sonifikation fiel jemandem ein, Christiaan Sterken (empfehlenswert sind seine Erinnerungen mit einem Goethe’schen Titel), Astronom in Brüssel, erzählte von Spaziergängen und lustigen Postkarten von Hilmar, man erfuhr wie schwer es die erste Astronomie-Professorin anfangs hatte und wie über einen Bierdeckel zwei kleine Asteroiden nach Hilmar Duerbeck und Gisela Münzel benannt wurden. Frau Münzel (*1929) – im Foto zusammen mit Duerbecks Patensohn -, die die letzten 12 Jahre mit Duerbeck zusammenlebte, war für das Gedenkkolloquium extra aus Leipzig angereist. Nachdem Michael Geffert mit einem Flügelhorn für einen musikalischen Abschluss sorgte, unterhielt ich mich noch etwas mit der 84-Jährigen. So erzählte sie mir u.a. noch, wie sie kurz nach dem Krieg von einem Trümmerberg aus mit dem geliehenen Schulfernrohr in die Sterne schaute und kurz danach mit dem Fernstudium der Astronomie in Jena begann.

Und spätestens wenn sie von ihrem Hilmar als einen „sehr aufmerksamen und gutwilligen Menschen“  spricht, wird klar, dass nicht nur die Freunde und Fachleute der Astronomiegeschichte einen unersetzbaren Menschen verloren haben. [Nico Schmidt]

Bonner „Sammlung historischer Himmelsaufnahmen“ inkl. Vorträge

Im neuen Programmheft „Museen und Sammlungen der Universität Bonn“ zu aktuellen Veranstaltungen und Ausstellungen, wird auch auf den Schatz aus 15.000 Himmelsaufnahmen der Bonner Astronomen hingewiesen. Dazu kann nun eine Sammlung im Argelander-Institut für Astronomie (AIfA) besichtigt werden. Sie umfasst in erster Linie Karl Friedrich Küstners Fotoplatten, die zwischen 1899 und 1922 in einem neu errichteten Nebengebäude der Bonner Sternwarte in Poppelsdorf am größten Fernrohr von Bonn entstanden. Außerdem enthält sie Beobachtungsmaterial von 1952 bis 2010 des Eifel-Standortes Observatorium Hoher List (OHL), das vergangenen Sommer geschlossen wurde, und von 1932 bis 1960 aufgenommenes Plattenmaterial des 34cm-Zeiss-Astrographen auf dem Hainberg der Sternwarte Göttingen.

Ein ganz frisch gehobener Teil des Schatzes tauchte erst 2012 in den Weiten des AIfA-Archivs auf und ist nun ebenfalls Bestandteil der Sammlung. Es geht um die gefundenen Beobachtungstagebücher von Julius Schmidt, der vor seiner Zeit als Bonner Astronom kurz an der Sternwarte Düsseldorf-Bilk arbeitete. Hier entdeckte er im Juni 1845 unabhängig einen hellen Kometen und konnte ihn an neun Tagen beobachten; Schmidts Zeichnungen sind sehr wahrscheinlich die einzigen Darstellungen des großen Juni-Kometen (C/1845 L1 oder 1845 III), der ein paar Tage zuvor von Antonio Colla entdeckt wurde.

Die Sammlung kann nur nach Rücksprache besichtigt werden, Anfragen dazu bitte an Herrn Michael Geffert: geffert(at)astro.uni-bonn.de

Herr Geffert, der auch den gezeigten Youtube-Clip mit Julius Schmidts Kometenzeichnungen von 1845 erstellte, wird im Rahmen der historischen Sammlung außerdem drei Vorträge halten, was ebenfalls im AIfA in Bonn-Endenich stattfinden wird.

05. April um 19 Uhr: „Die hellsten Kometen der letzten 200 Jahre“

03. Mai um 19 Uhr: „Unser Mond – Beobachtungen, Aufnahmen, Theorie“

31. Mai um 19 Uhr: „Spektren – Der Schlüssel zur Erforschung der Sterne“

[Nico Schmidt]

Der Schatz von Karl Friedrich Küstner

Während andere am 21. Dezember den Nicht-Weltuntergang gefeiert haben – etwa bei einer ausverkauften Show im Planetarium Bochum -, war ich bei dem Vortrag “15000 Himmelsaufnahmen – der Schatz der Erben Argelanders” aus der Bonner-Sternenhimmel-Reihe (Termine unten links), die regelmäßig im Argelander-Institut für Astronomie (AIfA) stattfindet. Im weihnachtlich geschmückten Hörsaal des Instituts zeigte Andreas Maul von der Volkssternwarte Bonn (VSB) zu Beginn mit einer alten drehbaren Sternkarte am Overhead-Projektor den aktuellen Winterhimmel. Danach übernahm der Bonner Astronom Michael Geffert, der von der Eigenbewegung der Sterne und der langen Tradition der Positionsastronomie, die in Bonn vor 175 Jahren mit Argelanders Ruf in die junge Universitätsstadt begann und bis heute in Form von Schülerpraktika zu finden ist, berichtete. Hauptsächlich ging es in dem Vortrag um Karl Friedrich Küstner, der nach Schönfelds Tod 1891 neuer Direktor der Bonner Sternwarte wurde. 1882 war Küstner (im Bild vordere Reihe ganz rechts) sogar als Leiter der deutschen Venustransit-Expedition dabei, die die Astronomen ins kalte Punta Arenas an der Magellanstraße zwischen Chile und Feuerland führte.

Küstner brachte die Astrofotografie an die Bonner Sternwarte und veranlasste gleich die Anschaffung eines entsprechenden Instruments. Wegen der Größe des 1899 gebauten Doppelrefraktors musste neben Argelanders alter Sternwarte in Poppelsdorf ein separater Kuppelbau errichtet werden. Mit 2 etwa 30 Zentimeter großen Linsen und mit über 5 Metern Brennweite war es das größte Fernrohr in Bonn – bis es 1965 in der Eifel im Observatorium Hoher List (OHL) aufgestellt wurde und nach der Schließung im letzten Sommer immer noch dort steht.

Die Abbildung zeigt das ehemalige Kuppelgebäude des großen Doppelrefraktors, in das die Sternfreunde der Volkssternwarte Bonn (VSB) in den 70er Jahren eingezogen sind.

Küstners Vermächtnis, das für den Referenten sogar ein „richtiger Schatz“ ist, ist das 15.000 Fotografien umfassende Plattenarchiv, das vor 100 Jahren hier in Bonn entstand. Sorgfältig wurde alles dokumentiert und auf vielen der 16x16cm-Fotoplatten schrieb der Astronom sogar seinen Namen oder die Initialen, …

… so auch auf seinen Mondbildern, die man hier auf Youtube sehen kann.

Über den Museumswert hinaus besitzen die am Bonner Doppelrefraktor entstandenen historischen Himmelsaufnahmen tatsächlich noch wissenschaftlichen Nutzen, wie ein Beispiel darstellen sollte.

Nebenbei wurden aber auch andere neuere Funde aus den Weiten des Institutsarchivs gezeigt. Damit sind Julius Schmidts Beobachtungstagebücher gemeint, die vermutlich die einzige Darstellung des Kometen Colla (C/1845 L1) enthalten – die auch kürzlich im Poppelsdorfer Schloss ausgestellt war. Schmidt hatte den Schweifstern Anfang Juni 1845 unabhängig vom italienischen Kometenbeobachter Antonio Colla entdeckt. Ein Jahr später verließ Schmidt die Sternwarte in Düsseldorf-Bilk und kam an Argelanders Sternwarte, an der er 7 Jahre blieb.

In der anschließenden Fragerunde war ein neugieriger und an Astronomie interessierter Drittklässler, der schon während des Vortrags Fragen parat hatte, fast nicht bremsen und wollte u.a. noch mehr zu den Geffert-Kleinplaneten wissen.

Danach konnte man sich einen kleinen Teil des astronomischen Schatzes unter der Lupe ansehen, denn auf einem Leuchtkasten konnte man sich eine Vergleichsaufnahme (links) neben einer von Karl Friedrich Küstner vor etwa 100 Jahren belichteten 16x16cm-Fotoplatte (rechts) des Kugelsternhaufens M 15 genauer ansehen. Und für die zum Vortrag eingeladenen Schüler gab es noch Informationen zum bevorstehenden Praktikum, in dem sich mit dem Thema der Eigenbewegung anhand der historischen Aufnahmen beschäftigt wird. [Nico Schmidt]