Göttingen Astronomie-Geschichtlich

Am Busbahnhof geht’s schon los mit der Astronomiegeschichte in Göttingen: Der Kegel auf der Spitze des Infopavillons stellt wissenschaftlich exakt die Bahnberechnung des ersten Asteroiden Ceres durch den jungen Carl Friedrich Gauß dar. Die rote Linie nahe der Ekliptik zeigt die Bahn zwischen Piazzis Entdeckung und der Wiederauffindung nach 10 Monaten Verlust – dank Gauß‘ Arbeit, die den Ruhm des Mathematikers auch unter Astronomen begründete (und ihn letztlich Direktor der Göttinger Sternwarte werden ließ).

Aber von Anfang an … Hier wohnte mal Tobias Mayer – Göttingens Häuser sind voll von solchen Tafeln, die den Eindruck vermitteln, kein Promi der deutschen Geistesgeschichte habe hier nicht irgendwann mal irgendwo gewohnt.

Das gilt selbst für Johann Wolfgang von Goethe, der mal in der heutigen Goetheallee war – und zu dessen Ehre hier auch die Sonne eines Planetenweges steht, deren Tafel auf ein sonniges Zitat im „Faust“ Bezug nimmt.

Eine Sonnenuhr im Form eines Rhombenkuboktaeders – entstanden wohl zwischen 1800 und 1850 und mehrfach umgesetzt und restauriert: Jetzt steht sie vor dem Städtischen Museum.

Ein – wohl von Studentenhand aktualisiertes – Denkmal von Gauß und seinem Freund Weber, der mehr dem Elektrischen zugewandt war. Und Gauß‘ Grab auf einem kleinen Friedhof ganz in der Nähe der zweiten Sternwarte.

Der Bau der ersten Göttinger Sternwarte – 1751 bis 1816 – auf der Stadtmauer existiert nicht mehr, wohl aber noch mehrere ihrer Instrumente, die z.T. in der 2. Sternwarte weiter verwendet wurden: etwa ein von Mayer wie Gauß benutzter sechsfüßiger Mauerquadrant aus Messing von John Bird von 1751 (oben; Radius 1.8 m, Brennweite und Öffnung des Fernrohrs 1.8 m und 5.7 cm), ein Azimutalquadrat von Franz Kampe um 1769 (93 cm / 95 cm / 2 cm), ein Theodolit von 1813 von Reichenbach, Utzschneider und Liebherr und ein Heliometer von Utzschneider et al. von 1814 (Brennweite 1164 mm, Durchmesser 76 mm). Letzteres wurde nach 40-jähriger Nutzung durch Gauß auch bei den Venustransits von 1874 und 1882 eingesetzt und dafür umgebaut.

Die zweite Sternwarte – 1816 bis 2005 – vom obersten Stock des neuen Rathauses aus gesehen. In der großen Kuppel noch ein – leider nicht mehr benutzter – großer Refraktor (s.u.), die kleine im Hintergrund ist völlig leer und pure ‚Dekoration‘ auf dem Dach eines Restaurants.

Außen- und Innenansichten des Gebäudes, das heute als geisteswissenschaftliches Tagungszentrum dient: Außer Sälen in mehreren Nebengebäuden sind auch die beiden hohen Räume, in denen früher Transitinstrumente standen (die spurlos verschwunden und wohl auf dem Schrott gelandet sind), zu Hörsälen geworden.

Der einzige direkte Zeuge aus der fast 200 Jahre währenden astronomischen Zeit vor Ort ist der Refraktor in der Kuppel nebst Beobachtungsstuhl. Kann zwar zuweilen besichtigt werden, aber bedienen kann ihn von den neuen Hausherren niemand …

So sieht die Wirkungsstätte der Göttinger Astrophysiker seit 2005 aus – sie residieren im hinstersten Trakt dieses Gebäudes, ganz oben natürlich. Dort gibt’s immerhin auch ein in den Bau integriertes Turmteleskop (mit der originalen Optik des Hainberger Sonnenturms [„Impressionen vom Sonnenturm und der Sternwarte Hainberg“], wo jetzt Amateure mit einer neuen arbeiten) und ein Spiegelteleskop auf dem Dach. Außer dem oben gezeigten Inventar der ersten Sternwarte birgt die dort untergebrachte stattliche astronomiegeschichtliche Sammlung der Universität u.a. auch einen Himmelsglobus von Willem Blaeu aus dem Jahre 1603 – Tychos Supernova von 1572 in der Cassiopeia ist drauf, Keplers SN von 1604 aber noch nicht:

Eine Büchsen-Sonnenuhr von Ulrich Klieber von 1604 – mit jeder Menge Messinstrumenten, selbst einer Windfahne, auf kleinstem Raum:

Eine Universal-Sonnenuhr von John Rowley um 1720: Die Polhöhe kann frei eingestellt werden:

Gauß‘ persönliches Taschenteleskop von 1815 (Utzschneider et al.): Brennweite 430 mm, Durchmesser 30 mm:

Einen Kometensucher von Merz um 1865 (1.36 m Brennweite, 16 cm Durchmesser, mit f/8.5 besonders lichtstark):

Und einen Heliostaten mit Uhrwerk, aus Berlin – ca. 1910 angeschafft:

Und der hier war zwar (primär) kein Astronom, wird in Göttingen – mehr Impressionen von zwei Stadtrundgängen Mitte September auch hier und hier – aber mindestens so verehrt wie Gauß. Es ist der Mathematiker, Naturforscher und der erste deutsche Professor für Experimentalphysik Georg Christoph Lichtenberg, hier mit den von ihm eingeführten elektrischen Ladungen:

[Daniel Fischer]

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Über skyweek

Astrojournalismus seit 1982

Veröffentlicht am 25. September 2017, in Uncategorized. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

  1. Schöne Bilder und eine gute Zusammenfassung! Göttingen hat in diesem Bereich wirklich viel zu bieten.
    Viele Grüße, Becky

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