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Radio- und Weißlichtsonne … und ein Supernovaüberrest am Taghimmel

Letzteres gibt es von Mai bis Oktober jeden Sonntag am historischen Radioteleskop auf dem Stockert nahe Bad Münstereifel. Heute ist es unter dem Namen „Astropeiler Stockert“ bekannt. Obwohl es nur 30, 40 Minuten von mir entfernt ist, hat es bislang nicht mit einer Tour dorthin geklappt. Vergangenen Sonntag, der wieder seinem Namen alle Ehre machte, hab ich ihm endlich einen Besuch abgestattet. Aus Richtung Rheinbach über Kirchheim kommend, sieht man schon weithin das auffällige Radioteleskop.

Direkt hinter dem Ortsausgang von Eschweiler, ein Stadtteil von Bad Münstereifel, biegt man links in eine Straße ein, die direkt über ein Golfplatzgelände führt. Ganz oben auf dem Hügel steht das 1955/1956 erbaute Radioteleskop. Der Parabolspiegel misst 25 Meter und wurde am Bodensee im Zeppelin-Metallwerk Friedrichshafen hergestellt. Dort wurde die Leichtbauweise aus dem Luftschiffbau auf die  Spiegelkonstruktion angewandt. Mit 1,2 Millionen Mark war es zur damaligen Zeit das größte Forschungsprojekt Deutschlands. Zur Einweihung im September 1956 waren neben Politikern aus der Landeshauptstadt Düsseldorf außerdem die Radioastronomen Jan Oort und Bernard Lovell anwesend. Lovells 76m-Radioteleskop von Jodrell Bank wurde im Jahr darauf fertiggestellt und so waren für kurze Zeit die 25m-Spiegel vom Stockert und im niederländischen Dwingeloo weltweit die größten Radioteleskope. Seit 1995 steht es unter Denkmalschutz.

Pünktlich um 14:00 Uhr hielt Elke Fischer, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit am Astropeiler, einen allgemeinen Vortrag zur Radioastronomie, zum Aufbau des Radioteleskops sowie zur Geschichte der fast 60 Jahre alten Radiosternwarte auf dem Stockert inkl. seiner Wiedereröffnung im Mai 2010, und stellte nebenbei die vielseitige Arbeit des gemeinnützigen Vereins ausführlich vor. Als außerschulischer Lernort können hier sogar Schülerpraktika durchgeführt werden, ebenso waren schon Studenten aus umliegenden Universität von Mainz bis Dortmund für Projekte vor Ort und nach 25 Jahren soll sogar hier wieder eine Bachelor-Arbeit geschrieben werden. Anschließend an den aufschlussreichen Vortrag ging es hoch in den Raum mit der Teleskopsteuerung.

Die in der optischen Astronomie typischen Pretty Pictures gab’s auf den Bildschirmen natürlich nicht zu sehen, stattdessen zeigten zwei Peaks die 21cm-Wasserstofflinie in Emission an. Per Knopfdruck fuhr das 25m-Teleskop – in Azimut über ein 3 Meter großes Zahnrad angetrieben – zum Supernovaüberrest Cas A. Dieser 11.000 Lichtjahre ferne Überrest einer Supernova, die um das Jahr 1680 im Sternbild Kassiopeia sichtbar war, ist – neben der Sonne natürlich – die stärkste Radioquelle am Himmel – 2700 Jansky bei der 21cm-Linie (1,4 GHz). In Echtzeit konnte man verfolgen, wie aus das Emissionsspektrum eine Absorptionskurve wurde. Die Radiostrahlung der Kontinuumsquelle Cas A wurde durch den Wasserstoff von Molekülwolken im Vordergrund absorbiert. So gesehen war also nur eine intervierte Darstellung des eigentlichen Supernovaüberrests erkennbar. Das eigentlich Interessante waren aber die Geschwindigkeitswerte der Wasserstoffwolken, die in einer weiteren Grafik angegeben waren. Ein Peak zeigte eine langsame Wolke in unserem eigenen Spiralarm an, eine Doppelspitze daneben zeigte jedoch zwei Molekülwolken an, die sich im benachbarten Perseus-Arm der Milchstraße befinden und sich mit 40 bis 50 km/s auf uns bewegen. Mit den zappelnden Kurven offenbart sich so live dem Zuschauer die Rotation unserer eigenen Galaxis.

Übrigens sind für Besucher Echtzeit-Messungen von Pulsaren technisch leider nicht machbar und die Sonne ist schlichtweg zu stark für die empfindlichen Geräte. Nach dieser spannenden Live-Beobachtung ging es durch enge Aufgänge, vorbei an den fast 60 Jahre alten Motoren, hoch zur Aussichtsplattform, wo man direkt unter dem riesigen 25 Meter großen Radioempfänger stand. Hier ist sogar noch ein originales Telefon – mit Rufzeichen! – aus den 50er Jahren in Betrieb.

Auf der Plattform wurde die Funktionsweise des 1,4-GHz-Hauptempfängers erläutert. Vor ein paar Monaten wurde dort ein zweites Messinstrument für 4 GHz angebracht.

Oder man konnte ganz einfach den großartigen Weitblick über die Nordeifel genießen. Über den Goldplatz hinweg konnte man am dunstigen Horizont gerade so sogar den Kölner Dom (rechter Bildrand) erkennen – der immerhin in 45 Kilometer Entfernung steht.

Und der Feldstecher liegt dort oben auch immer parat.

Nachdem Abstieg ging’s hinüber zum 10m-Radioteleskop, das 1965 zur Sonnenbeobachtung errichtet wurde. Über das hohe Gras flatterten jede Menge Schmetterlinge. Da noch mein kleiner Sonnenrefraktor im Auto lag, stellte ich ihn kurzerhand dazu, so dass man nebeneinander Radio- und Weißlichtsonne erleben konnte.

Der im Schatten stehende Grill war noch warm, denn Amateurfunker hatten hier am Abend zuvor eine kleine Mond-Party veranstaltet und bei einem EME (Erde-Mond-Erde)-Kontakt nach am Mond reflektierten Funksignalen zu lauschen. Ansonsten dient die 10m-Radioschüssel eigentlich nur zur Sonnenbeobachtung, ein Highlight war hier jedoch die Detektion einer Methanol-Maser-Emissionslinie aus der 6.800 Lichtjahre fernen massereichen Molekülwolke W3 in der Kassiopeia. Diese Radioquelle ist Teil der optisch sichtbaren Nebelregion IC 1795, die an der Spitze des malerischen Herznebels (IC 1805) steht.

Für die Besucher am Sonntag war dagegen nur das Rauschen der Sonne bei 10,4 GHz zu hören und anhand eines blauen Diagramms und einer ausschlagenden Nadel zu sehen. Auch Reflektionseffekte durch die umliegenden Bäume wurden vorgeführt, …

… während die beiden Teleskope draußen die Sonne bei zwei unterschiedlichen Frequenzen im Blick hatten.

Nach einigen Stunden ging so ein spannender sonniger Nachmittag zu Ende. Und vielleicht entstehen aus diesem ersten Kontakt sogar gemeinsame Treffen oder öffentliche Veranstaltungen – egal ob im Sommer mit paralleler Beobachtung der Radio- und Weißlichtsonne (und H-alpha-Sonne) oder zur abendlichen/nächtlichen Beobachtung. [Nico Schmidt]

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