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In Gedenken an Hilmar Duerbeck und Waltraut Seitter

„Zu den bedeutenden, aber eher dezent im Hintergrund wirkenden Astronomen in Deutschland gehörte Hilmar Duerbeck.“ So erinnerte letzte Woche noch der Deutschlandfunk an den außergewöhnlichen Astronomiehistoriker Hilmar W. Duerbeck (1948 – 2012), der plötzlich und unerwartet am 05. Januar 2012 in seinem Haus in der Eifel verstarb. Er wurde nur 63 Jahre alt. Etwas über ein Jahr nach seinem frühen Tod fand gestern in Bonn ein Gedenkkolloquium statt, das federführend Wolfgang Dick vom Arbeitskreis Astronomiegeschichte der Astronomischen Gesellschaft (AG) zusammen mit Christiaan Sterken und mit Michael Geffert als Gastgeber veranstaltete.

Dick, der viele Jahre mit ihm im AG-Arbeitskreis als Herausgeber zusammenarbeitete und nun die Geschichte des Astronomiegeschichtlers Duerbeck für einen Gedenkband aufarbeitet, gab einen Überblick über sein Leben und Wirken, es ging um die „großen Linien in Hilmar Duerbecks Leben“. Dabei staunt er selbst sogar über vorher unbekannte Dinge, über die Fülle seines geistigen Schaffens, und findet u.a. heraus, dass sein Kollege ursprünglich Dürbeck hieß und dann ab 1973 die internationale Schreibweise Duerbeck verwendete.

Die veränderlichen Sterne, besonders die Novae, waren die Lieblingsobjekte des Bonner Astronomen Duerbeck, doch schon kurz nach seiner Doktorarbeit über VV Ori, eingereicht im Jahr 1974, erstellte er eine Bibliografie der astronomischen Literatur der Uni Bonn. Im Laufe der Zeit wurde die Beschäftigung mit astronomiegeschichtlichen Themen immer intensiver, vor allem in seinen letzten 10, 20 Jahren. Über eine Arbeit zu Carl Wirtz, für die er sogar mit seiner Enkeltochter sprach, kam der Historiker schließlich mit der Geschichte der Kosmologie in Berührung. Durch eine viel beachtete Arbeit, „surely was a ground-breaking piece of historical research“, trat sogar der Kosmologe Georges Lemaître endlich aus Hubbles Schatten heraus.

Hilmar Duerbeck, war nicht nur national sondern auch international angesehen, was sich auch an zwei englischsprachigen Kolloquiumsbeiträgen zeigte. Zahlreiche Lehrtätigkeiten führten ihn ins Ausland, er betreute u.a. Disserationen an der James Cook University in Australien und wurde Mitglied in verschiedenen IAU-Komissionen, zuletzt seit ca. 2003 in der IAU Commission 41 für Astronomiegeschichte. Als Mitglied einer Venustransit-Arbeitsgruppe beschäftigte er sich hier intensiv mit der Historie von Venusdurchgängen.

Das Gedenken an den Menschen Hilmar W. Duerbeck wäre aber nicht vollständig, ohne gleichzeitig an seine Frau Waltraut C. Seitter (1930 – 2007) zu erinnern, mit der er seit 1975 verheiratet war und die nach langer Krankheit etwa vier Jahre vor ihm am 15. November 2007 verstarb, heute aber nicht einmal ein Grab besitzt. So ging es in dem Gedenkkolloquium nicht nur um die Blütezeit der Bonner Eifel-Sternwarte Observatorium Hoher List (OHL), sondern auch um die bewegte Geschichte der Astronomie in Münster, wohin sie 1975, im Jahr ihrer Hochzeit, als erste Astronomie-Professorin berufen wurde.

In Bonn hatte sie sich 1965 habilitiert und bereits mit dem zweibändigen „Bonner Spektralatlas“ – die zwischen 1963 und 1968 am Schmidt-Teleskop in der Eifel aufgenommenen Daten wurden um 1970 veröffentlicht – ein ehrgeiziges Projekt abgeschlossen. Und unter ihrer Leitung erlebte schließlich die Münsteraner Astronomie eine Blütezeit. Michael Nolte, dessen umfangreicher Vortrag zweigeteilt werden musste, konnte ausführlich aus erster Hand über diese Zeit berichten, wie in den 80er und 90er Jahren unter Waltraut Seitter erste Computer und zwei große sog. Mikrodensitometer in den siebten Stock zur Analyse von Fotoplatten angeschafft wurden und wie um 1990 in HTML die erste Instituts-Homepage auftauchte. Mit diesen PDS-Geräten gingen die Astronomen in Münster ein gewaltiges Kosmologie-Projekt – das Münster Redshift Project (MRSP) – an, bei dem 7 Millionen Galaxien vermessen wurden, um vor der Ära der Weltraumteleskope und Großteleskope etwas über die Verteilung von Galaxienhaufen zu erfahren.

Aber bei allen Zahlen und Fakten aus dem außergewöhnlichen Leben von Hilmar Duerbeck und seiner Frau Waltraut Seitter, erhielt man in den Vorträgen stets auch einen persönlichen Eindruck von den beiden Astronomen, die zwar in der Welt zuhause waren, aber immer in ihr Haus in Schalkenmehren zurückkehrten. Gewissermaßen waren sie Jahrzehnte lang sowas wie die Nachbarn des großen Eifel-Observatoriums, immerhin wohnten sie im letzten Haus in der Straße, die hoch zu den Teleskopkuppeln auf dem Hohen List führt – so sind sie doch immer Bonner Astronomen geblieben.

Enge Freunde, ehemalige Kollegen und Referenten erinnerten sich auf ihre eigene Art an das Ehepaar Duerbeck/Seitter. Andreas Hänel erinnerte sich an Kartoffelsalat mit Würstchen, an Weihnachtsfeiern mit Bowle dachte man, eine astronomische Sonifikation fiel jemandem ein, Christiaan Sterken (empfehlenswert sind seine Erinnerungen mit einem Goethe’schen Titel), Astronom in Brüssel, erzählte von Spaziergängen und lustigen Postkarten von Hilmar, man erfuhr wie schwer es die erste Astronomie-Professorin anfangs hatte und wie über einen Bierdeckel zwei kleine Asteroiden nach Hilmar Duerbeck und Gisela Münzel benannt wurden. Frau Münzel (*1929) – im Foto zusammen mit Duerbecks Patensohn -, die die letzten 12 Jahre mit Duerbeck zusammenlebte, war für das Gedenkkolloquium extra aus Leipzig angereist. Nachdem Michael Geffert mit einem Flügelhorn für einen musikalischen Abschluss sorgte, unterhielt ich mich noch etwas mit der 84-Jährigen. So erzählte sie mir u.a. noch, wie sie kurz nach dem Krieg von einem Trümmerberg aus mit dem geliehenen Schulfernrohr in die Sterne schaute und kurz danach mit dem Fernstudium der Astronomie in Jena begann.

Und spätestens wenn sie von ihrem Hilmar als einen „sehr aufmerksamen und gutwilligen Menschen“  spricht, wird klar, dass nicht nur die Freunde und Fachleute der Astronomiegeschichte einen unersetzbaren Menschen verloren haben. [Nico Schmidt]

Eine astronomiegeschichtliche Entdeckung in … einer Kneipe in Königswinter?

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Seit 320 gibt es schon das Gasthaus „Im Tubak“ in der Altstadt von Königswinter, und seit 45 Jahren wohnt dieser Blogger in dieser Gemeinde, aber erst gestern führte es den letzteren – anlässlich dieses Konzertes – erstmals in das erstere. Wo ihm augenblicklich obiges Gemälde an der Wand auffiel: Da arbeitet doch einer an einer Polyeder-Sonnenuhr o.ä. und ist umgeben von (Teilen von) astronomischem Messgerät, v.a. oben links?! Die Recherchen laufen … [Daniel Fischer. NACHTRAG: Nach wenigen Minuten gab’s über Twitter bereits die Aufklärung – mit Hilfe der Reverse Image Search „TinEye“ kam heraus, dass es sich um das Porträt des Astronomen Nikolaus Kratzer von Hans Holbein dem Jüngeren von 1528 handelt (und sicher nicht das Original, denn das hängt im Louvre). Nicolaus Kratzer, 1487-1550, gilt tatsächlich als Spezialist für Sonnenuhren – und das Holbein-Gemälde wird auf zahlreichen Webseiten in Kopie angeboten. Case closed … NACHTRAG 2: … aber dann gab es noch Hinweise auf den Astronomen und das Gemälde und noch mehr Astro-Instrumente bei Holbein … NACHTRAG 3: … sowie mehr zu Kratzer in der Kunst]

Bonner „Sammlung historischer Himmelsaufnahmen“ inkl. Vorträge

Im neuen Programmheft „Museen und Sammlungen der Universität Bonn“ zu aktuellen Veranstaltungen und Ausstellungen, wird auch auf den Schatz aus 15.000 Himmelsaufnahmen der Bonner Astronomen hingewiesen. Dazu kann nun eine Sammlung im Argelander-Institut für Astronomie (AIfA) besichtigt werden. Sie umfasst in erster Linie Karl Friedrich Küstners Fotoplatten, die zwischen 1899 und 1922 in einem neu errichteten Nebengebäude der Bonner Sternwarte in Poppelsdorf am größten Fernrohr von Bonn entstanden. Außerdem enthält sie Beobachtungsmaterial von 1952 bis 2010 des Eifel-Standortes Observatorium Hoher List (OHL), das vergangenen Sommer geschlossen wurde, und von 1932 bis 1960 aufgenommenes Plattenmaterial des 34cm-Zeiss-Astrographen auf dem Hainberg der Sternwarte Göttingen.

Ein ganz frisch gehobener Teil des Schatzes tauchte erst 2012 in den Weiten des AIfA-Archivs auf und ist nun ebenfalls Bestandteil der Sammlung. Es geht um die gefundenen Beobachtungstagebücher von Julius Schmidt, der vor seiner Zeit als Bonner Astronom kurz an der Sternwarte Düsseldorf-Bilk arbeitete. Hier entdeckte er im Juni 1845 unabhängig einen hellen Kometen und konnte ihn an neun Tagen beobachten; Schmidts Zeichnungen sind sehr wahrscheinlich die einzigen Darstellungen des großen Juni-Kometen (C/1845 L1 oder 1845 III), der ein paar Tage zuvor von Antonio Colla entdeckt wurde.

Die Sammlung kann nur nach Rücksprache besichtigt werden, Anfragen dazu bitte an Herrn Michael Geffert: geffert(at)astro.uni-bonn.de

Herr Geffert, der auch den gezeigten Youtube-Clip mit Julius Schmidts Kometenzeichnungen von 1845 erstellte, wird im Rahmen der historischen Sammlung außerdem drei Vorträge halten, was ebenfalls im AIfA in Bonn-Endenich stattfinden wird.

05. April um 19 Uhr: „Die hellsten Kometen der letzten 200 Jahre“

03. Mai um 19 Uhr: „Unser Mond – Beobachtungen, Aufnahmen, Theorie“

31. Mai um 19 Uhr: „Spektren – Der Schlüssel zur Erforschung der Sterne“

[Nico Schmidt]

Der Schatz von Karl Friedrich Küstner

Während andere am 21. Dezember den Nicht-Weltuntergang gefeiert haben – etwa bei einer ausverkauften Show im Planetarium Bochum -, war ich bei dem Vortrag “15000 Himmelsaufnahmen – der Schatz der Erben Argelanders” aus der Bonner-Sternenhimmel-Reihe (Termine unten links), die regelmäßig im Argelander-Institut für Astronomie (AIfA) stattfindet. Im weihnachtlich geschmückten Hörsaal des Instituts zeigte Andreas Maul von der Volkssternwarte Bonn (VSB) zu Beginn mit einer alten drehbaren Sternkarte am Overhead-Projektor den aktuellen Winterhimmel. Danach übernahm der Bonner Astronom Michael Geffert, der von der Eigenbewegung der Sterne und der langen Tradition der Positionsastronomie, die in Bonn vor 175 Jahren mit Argelanders Ruf in die junge Universitätsstadt begann und bis heute in Form von Schülerpraktika zu finden ist, berichtete. Hauptsächlich ging es in dem Vortrag um Karl Friedrich Küstner, der nach Schönfelds Tod 1891 neuer Direktor der Bonner Sternwarte wurde. 1882 war Küstner (im Bild vordere Reihe ganz rechts) sogar als Leiter der deutschen Venustransit-Expedition dabei, die die Astronomen ins kalte Punta Arenas an der Magellanstraße zwischen Chile und Feuerland führte.

Küstner brachte die Astrofotografie an die Bonner Sternwarte und veranlasste gleich die Anschaffung eines entsprechenden Instruments. Wegen der Größe des 1899 gebauten Doppelrefraktors musste neben Argelanders alter Sternwarte in Poppelsdorf ein separater Kuppelbau errichtet werden. Mit 2 etwa 30 Zentimeter großen Linsen und mit über 5 Metern Brennweite war es das größte Fernrohr in Bonn – bis es 1965 in der Eifel im Observatorium Hoher List (OHL) aufgestellt wurde und nach der Schließung im letzten Sommer immer noch dort steht.

Die Abbildung zeigt das ehemalige Kuppelgebäude des großen Doppelrefraktors, in das die Sternfreunde der Volkssternwarte Bonn (VSB) in den 70er Jahren eingezogen sind.

Küstners Vermächtnis, das für den Referenten sogar ein „richtiger Schatz“ ist, ist das 15.000 Fotografien umfassende Plattenarchiv, das vor 100 Jahren hier in Bonn entstand. Sorgfältig wurde alles dokumentiert und auf vielen der 16x16cm-Fotoplatten schrieb der Astronom sogar seinen Namen oder die Initialen, …

… so auch auf seinen Mondbildern, die man hier auf Youtube sehen kann.

Über den Museumswert hinaus besitzen die am Bonner Doppelrefraktor entstandenen historischen Himmelsaufnahmen tatsächlich noch wissenschaftlichen Nutzen, wie ein Beispiel darstellen sollte.

Nebenbei wurden aber auch andere neuere Funde aus den Weiten des Institutsarchivs gezeigt. Damit sind Julius Schmidts Beobachtungstagebücher gemeint, die vermutlich die einzige Darstellung des Kometen Colla (C/1845 L1) enthalten – die auch kürzlich im Poppelsdorfer Schloss ausgestellt war. Schmidt hatte den Schweifstern Anfang Juni 1845 unabhängig vom italienischen Kometenbeobachter Antonio Colla entdeckt. Ein Jahr später verließ Schmidt die Sternwarte in Düsseldorf-Bilk und kam an Argelanders Sternwarte, an der er 7 Jahre blieb.

In der anschließenden Fragerunde war ein neugieriger und an Astronomie interessierter Drittklässler, der schon während des Vortrags Fragen parat hatte, fast nicht bremsen und wollte u.a. noch mehr zu den Geffert-Kleinplaneten wissen.

Danach konnte man sich einen kleinen Teil des astronomischen Schatzes unter der Lupe ansehen, denn auf einem Leuchtkasten konnte man sich eine Vergleichsaufnahme (links) neben einer von Karl Friedrich Küstner vor etwa 100 Jahren belichteten 16x16cm-Fotoplatte (rechts) des Kugelsternhaufens M 15 genauer ansehen. Und für die zum Vortrag eingeladenen Schüler gab es noch Informationen zum bevorstehenden Praktikum, in dem sich mit dem Thema der Eigenbewegung anhand der historischen Aufnahmen beschäftigt wird. [Nico Schmidt]

Ein Musikabend zu Herschels Geburtstag … mit seinen Sonaten

Gestern Abend brauchte es nur ein sehr altes Tafelklavier, eine Barockvioline und ein Barockvioloncello, um einen ganz großen Mann der Astronomiegeschichte, Wilhelm Herschel, einmal auf ganz andere Weise kennenzulernen. Denn nach einem Argelander-Beethoven-Musikabend im Oktober (Berichte hier und hier), dem Auftakt zur Reihe „Der musikalische Himmel“, erklangen im Deutschen Museum Bonn klassische Sonaten des Astronomen Herschel. Und so sprach Michael Geffert, seines Zeichens Astronom, Chorleiter und Wissenschaftsvermittler, in dem astronomiehistorischen Vortrag nicht nur über Wilhelm Herschel als Spiegelschleifer, Fernrohrbauer, Himmelsbeobachter, Ersteller von Doppelstern- und Nebelkatalogen, Vermesser der Milchstraße und Entdecker der Infrarotstrahlung und bekanntermaßen des Planeten Uranus, denn vor seiner Karriere als Astronom war er in den 1760er und 1770er Jahren vor allem Musiker.

Der von Hannover nach England ausgewanderte Herschel war Militärmusiker, Organist, Konzertleiter, Musiklehrer, Komponist und gab sogar seiner Schwester Caroline, die dann eine bekannte Sopran-Sängerin wurde, Gesangsunterricht. Um 1775 begann er sich für den Nachthimmel zu interessieren, was schließlich zu einer neuen Leidenschaft wurde. Die Wohnung des Musiklehrers „sei angehäuft mit Globen, Karten, Teleskopen, Spiegeln usw., unter denen ein Klavier verborgen war, und das Violoncello, wie ein weggeworfenes Spielzeug, lag versteckt in einer Ecke“, erinnerte sich sein Schüler John Bernard. Und wie Herschel festhält, wurden von den Musikschülern plötzlich Astronomie- statt Musikstunden gewünscht.

Zwichen den Vortragsblöcken wurde der Astronom als Musiker lebendig, als mit Klavier, Violine und Violoncello drei von Herschel komponierte Sonaten gespielt wurden. Sie erschienen im Selbstverlag am 01. Oktober 1769, eine Woche später erreichte James Cook nach dem beobachteten Venustransit die Nordinsel von Neuseeland. Während die Stücke aufgeführt wurden, fühlte ich mich direkt zurückversetzt, in eine Zeit als Goethe und Schiller ihre ersten Texte schrieben, Mozart an Opern arbeitete und Humboldt noch Hausaufgaben machte. Und die Astronomie kannte noch keine Galaxien, Planetarischen Nebel und Kugelsternhaufen, weder Sternentfernungen, Urknall, Spektrallinien, Rotverschiebung, noch die Energiequelle der Sterne. Eigentlich bestand der Nachthimmel nur aus fünf Planeten, Kometen und geheimnisvollen Nebelflecken und in dieser Zeit wurde der angesehene Herschel, ein englischer Gentleman, zu einem Handwerker, Erfinder und autodidaktischen Astronomen.

Die gespielten Herschel-Sonaten waren gleichzeitig sogar ein Geburtstagsständchen für den Astronomen, der heute vor genau 274 Jahren in Hannover geboren wurde. Ein Besucher meinte im Anschluss ganz treffend, dass sich Wilhelm Herschel auf zweierlei Arten für Punkte interessierte: Für Sternpunkte auf der Karte und für die Notenköpfe – und mit den Fähnchen sehen die Noten doch gleich wie Schweifsterne aus. An diesem wunderbaren astronomischen Musikabend hat auf jeden Fall ganz richtig eine „starke Wechselwirkung“ stattgefunden, wie es der Gastgeber Ralph Burmester mit den Worten eines Physikers beschrieb. Wann sieht man schon ein Klavier von 1804 vor einem Teilchenbeschleuniger, unter einem Röntgenhimmel und hört Sonaten eines berühmten Astronomen?

Im Anschluss brachte noch kurz Sternfreund Paul Hombach das Broadwood-Tafelklavier von Michael Gefferts Bruder Johannes zum Klingen. Am 04. Dezember wird der bühnenerfahrene Hobbyastronom mit einem Keyboard das Thema Astronomie und Musik in die Neuzeit bringen, doch schon am kommenden Montag ist er auf seiner Haus- und Hofbühne der Springmaus mit einem amüsanten Astronomie-Programm (Artikel des Kölner Stadtanzeigers) zu sehen.

[Nico Schmidt]

Ein Flur für die Bonner Astronomiegeschichte

Äußerlich sieht die alte Bonner Sternwarte fast immer noch so aus wie zur Fertigstellung 1845/1846, doch nachdem das Institut für Kommunikationsforschung 1975 dort einzog, erinnert heute im Gebäudeinneren leider nichts mehr an das wichtige Stück Astronomiegeschichte, das in einem kleinen Beobachtungsturm geschrieben wurde. Denn schließlich wurde hier mit dem „kleinsten Fernrohr das größte astronomische Werk geschaffen“, wie es bei seinem Bonn-Besuch 1913 der Harvard-Astronom Charles Pickering formulierte. In sieben Jahren und einem Monat (1852 bis 1859) wurden in 625 klaren Nächten die Positionen und Helligkeiten von über 324.000 Sterne bestimmt; der Astronom Argelander machte mit der „Bonner Durchmusterung“ die junge Universitätsstadt am Rhein unter den Astronomen weltweit berühmt.

In Eigenregie haben nun Wilfried Bongartz von der Volkssternwarte Bonn (VSB) und ich vom Köln-Bonner-Astrotreff (KBA) versucht etwas von der vergessenen Geschichte an den Ort zurückzuholen. So gibt es seit heute in der Alten Sternwarte neben dem Argelander-Turm quasi auch einen Argelander-Flur, in dem Bilderrahmen mit Texten und historischen Abbildungen zu der Bonner Astronomiegeschichte und der Arbeit an der hier vor über 150 Jahren durchgeführten Himmelsvermessung infomieren sollen. Einen direkten Museumscharakter hat das zwar noch nicht, aber ein Anfang ist getan und Pläne für die Erweiterung der „Ausstellung“ gibt es bereits.

Zum morgigen Tag der offenen Tür der Volkssternwarte (auch der Generalanzeiger Bonn berichtete heute) sind neben den Vorträgen und der Sonnenbeobachtung (klarer Himmel ist angekündigt!) natürlich auch Führungen in den Argelander-Turm mit dem neu gestalteten Flur geplant.

[Nico Schmidt]

Argelander, Beethoven und Hertz im Deutschen Museum Bonn

Im Beitrag „Bonner ABC“ hatte ich hier vor fast zwei Monaten u.a. vorab auf das kommende Herbstprogramm mit Argelander und Beethoven im Deutschen Museum Bonn hingewiesen. Dabei stellt das ungewöhnliche Treffen des Bonner Astronomen Argelander mit der Musik des berühmten Komponisten Beethoven nur den Auftakt zu einer dreiteiligen Vortragsreihe mit dem Titel „Neues aus dem All – Der musikalische Himmel“ dar.  Hier die Termine im Überblick:

01. Oktober um 19:00 Uhr: Der musikalische Himmel – Beethoven und die Bonner Durchmusterung

Im Vortrag des Bonner Astronomen Michael Geffert geht es um Friedrich Wilhelm August Argelander, sein Lebenswerk der sog. Bonner Durchmusterung und den Asteroiden (1815) Beethoven, was ergänzt wird – passend zum Beethovenfest – durch musikalische Aufführungen von Werken Beethovens und Schuberts.

14. November um 19:00 Uhr: Der musikalische Himmel – Wilhelm Herschel, Komponist und Astronom

Michael Geffert stellt den in Hannover geborenen Astronomen Wilhelm Herschel vor, der vor seiner Karriere als Himmelsbeobachter, Spiegelschleifer, Instrumentenbauer und Entdecker von Uranus vor allem als Militärmusiker, Komponist, Organist und Musiklehrer bekannt war. Untermalt wird der Vortrag mit von Herschel selbst geschriebenen Musikstücken. Oben sind zwei Eindrücke aus einer Herschel-Musik-Veranstaltung im September 2010 in Bonn-Tannenbusch zu sehen.

04. Dezember um 19:00 Uhr: Der musikalische Himmel – Paul Hombachs Sternenklänge

Sonifikation ist die Vertonung astronomischer Daten und ist zugleich das Stichwort des Abends. Neben Michael Geffert führt Hobbyastronom Paul Hombach, bekannt durch die Museumsreihe „Pauls Portables Planetarium“, mit seinem Keyboard durch den musikalischen Abschluss der Vortragsreihe.

Außerdem: Neben den musikalischen Vorträgen im Herbst kann noch die bis zum 13. Januar 2013 laufende Sonderausstellung über Heinrich Hertz besucht werden. In deren Rahmen finden auch noch die folgenden drei Termine statt:

23. Oktober um 19:00 Uhr: Wie jüdisch war Heinrich Hertz? Die Geschichte einer deutschen Familie

13. Dezember um 19:00 Uhr: Von der elektrodynamischen Wirkung zu elektrischen Wellen – Replikation der frühen Experimente von Heinrich Hertz

10. Januar um 19:00 Uhr: Hertz, Kekulé und Argelander – drei Wissenschaftler und ihre Spuren in Bonn

Rainer Selmanns Vortrag bildet zugleich den Abschluss der Hertz-Sonderausstellung. Er stellt den Physiker Hertz, den Astronomen Argelander und den Chemiker Kekulé vor und folgt ihren Spuren durch Bonn. Wer diesen „virtuellen Spaziergang“ jedoch lieber live mitmachen möchte, hat noch am 31. August, 07. September und 05. Oktober (Treffpunkt jeweils um 17:00 Uhr am Eingang des Uni-Hauptgebäudes) Gelegenheit dazu. Rainer Selmann ist nämlich hauptberuflicher Spaziergänger und bietet noch an diesen drei Terminen die Stadtführung „Her(t)zenssache“ an. Meine Eindrücke zu diesem lohnenswerten wissenschaftsgeschichtlichen Stadtspaziergang kann man hier nachlesen. [Nico Schmidt]

Ein KBA-ler auf Berlin-Besuch – und ein Tipp für die nächsten drei Monate!

Aus Anlass eines Auftritts in der Wilhelm-Foerster-Sternwarte nach Berlin gereist, konnte dieser Blogger heute morgen noch an der Pressekonferenz zu und Vorbesichtigung einer neuen Ausstellung im Pergamonmuseum teilnehmen, die vom 22. Juni bis 30. September besichtigt werden kann – und soll(te), wenn es einen im nächsten Vierteljahr nach Berlin verschlägt. Denn das scheinbar so abstrakte Thema „Jenseits des Horizonts – Raum und Wissen in den Kulturen der Alten Welt“ ist mit jeder Menge Astronomiegeschichte in schönen Artefakten garniert, etwa obigem Fragment eines 2000 Jahre alten römischen Himmelsglobus. Und einem Lokal-Reporter ist sogar nur die Astronomie in der Ausstellung aufgefallen, dabei gibt es auch viele andere originielle Dinge, von einem trepanierten Steinzeit-Schädel über altgriechische Täfelchen zur zielgerichteten Verfluchung des Nachbarn bis zu (nachgebauten) antiken Musikinstrumenten, die der Besucher selbst anspielen darf. Besucht werden kann ‚Jenseits des Horizonts‘ nur im Paket mit der Dauerausstellung für EUR 13 – aber das lohnt sich angesichts von deren Spektakularität allemal. Ach, und noch ein Bonn- und Astro-Bezug: Die „Jenseits“-Co-Kuratorin Gabriele Pieke war lange Direktorin des Ägyptischen Museums in Bonn. Und gemeinsam mit ihr hatte ich mal einen – sehr gut besuchten – Vortrag über altägyptische Astronomie im Forum Astronomie der VSW Bonn organisiert. Danach waren uns leider keine weiteren thematischen Überschneidungen mehr eingefallen … [Daniel Fischer]

Ein KBA-ler auf Hamburg-Besuch

Genau vor zwei Wochen ging es für ein verlängertes Wochenende nach Hamburg. Und was wäre ein viertägiger Städtetrip, wenn ich nicht nebenbei der über 200-jährigen Astronomiegeschichte dieser Hansestadt nachgespürt hätte. Was hat z.b. der Kirchturm des Michels mit einer Erfindung von Gauß oder mit den Physikversuchen des Lehres Benzenberg zu tun? Was stand einst an dem Ort der heutigen Elbphilarmonie-Baustelle, gibt es sogar astronomische Motive in dem riesigen Miniatur-Wunderland oder was macht dieser schöne Himmelsglobus im Hamburger Planetarium? Damit beschäftigt sich der erste Teil meines ausführlichen Fotoberichts. Ein noch folgender zweiter Artikel widmet sich dann dem Besuch der Hamburger Sternwarte in Bergedorf, die zufälligerweise an dem Wochenende zum Tag der offenen Tür einlud. [Nico Schmidt]

Ein Rheinländer als chinesischer Astronom

Wer sich über Argelander hinaus mit der Astronomiegeschichte der Bonner Region beschäftigt, wird feststellen, dass sie überraschenderweise 400 Jahre weit zurückreicht, bis zu einem Mann namens Johann Adam Schall von Bell. Er stammte aus einem Adelsgeschlecht in Lüftelberg, was heute zu Meckenheim gehört.

Entgegen seiner Herkunft kehrte er vor rund 400 Jahren dem Rheinland den Rücken und ging als Jesuitmissionar und Astronom nach China. Mit diesem Schiff gelangen außerdem das kurz zuvor erfundene Fernrohr sowie Galileis Entdeckungen in den fernen Osten. In China führte Schall von Bell eine notwendige Kalenderreforum durch, wurde dadurch Leiter der Pekinger Sternwarte und stieg sogar zum Staatsbeamten höchsten Ranges auf, 1653 erhielt er zudem den Ehrentitel „Die Geheimnisse des Himmels ergründender Lehrer“.

Dem Astronom Schall von Bell und anderen Missionaren in China wurde kürzlich eine ganze Ausstellung in der Bonner Bundeskunsthalle gewidmet. Hier erfuhr man auch, dass der ehemalige Rheinländer sogar zum Tode verurteilt wurde und nur durch eine glückliche Häufung von Naturerscheinungen frei kam. Meinen ausführlichen Fotobericht zu der kleinen Ausstellung kann man im Nachbarblog „Zauber der Sterne“ nachlesen. [Nico Schmidt]