Die Rhön & Fulda: zwei Tage in Sternenstadt und Sternenpark

Im dichten Nebel wartet er hier seit wenigen Tagen auf Besucher: der „Himmelsschauplatz Milseburg“ bei Hofbieber-Danzwiesen, einer von fünf solchen ausgeschilderten Beobachtungsplätzen mit u.a. Pol-Finder, Fernglas-Stützen und drehbarer Riesen-Sternkarte im International Dark Sky Reserve Rhön östlich von Fulda, die Mitte September eröffnet wurden. Sie sind fünf Jahre nach dessen Anerkennung durch die International Dark Sky Association nach der Einrichtung einer Beobachtungsplattform auf der Hohen Geba die nächsten handfesten physischen Zeichen, dass das Biosphären-Reservat zugleich ein ‚Sternenpark‘ ist. Das bedeutet in erster Linie konsequente Maßnahmen zur Vermeidung unnötiger und falscher Lichtquellen, während astronomischer Tourismus erst einmal nur bedächtig angeleiert wird, derzeit überwiegend durch unterschiedliche Sternenführungen. Man sei da noch ganz am Anfang, heißt es im Info-Zentrum auf der Wasserkuppe, und in der Touristen-Information in Fulda liegt der wichtigste Flyer nicht offen aus: Den gebe man nur „den richtigen Leuten“, die explizit danach fragen, wird dem Besucher beschieden. Am mehrere Stunden klaren Abend vorher (30. September) lag die Himmelshelligkeit beim darin empfohlenen Schwarzen Moor übrigens bei 21.2 mag./Quadratbogensekunde (Spitzenwert mit dem SQM), und die Milchstraße war schön zu sehen.

Die treibende Kraft hinter dem Sternenpark Rhön ist die „Hüterin der Nacht“ Sabine Frank: ein Besuch in ihrem Büro im Landratsamt in Fulda, vor dem sie hier mit ihrer derzeitigen Lieblings-Straßenlampe zu sehen ist. Das Dark Sky Reserve ist letztlich aus einem Studenten-Projekt hervor gegangen – und könnte in Zukunft Signalwirkung weit über Hessen hinaus entfalten: Einmalig im Land ist nämlich mit Fulda eine größere Stadt direkt neben dem Himmels-Schutzgebiet als International Dark Sky Community anerkannt und somit dieses Jahr Fulda zur ersten ‚Sternenstadt‘ Deutschlands geworden.

Noch ist dies Work in Progress, nirgends sind entsprechende Hinweistafeln zu entdecken, und so manchem Bürger ist der ungewöhnliche Status der eigenen Stadt schlicht unbekannt. Aber wenn man’s weiß: Zum Beispiel sind im berühmten barocken Stadtteil Fuldas die Leuchtmittel in den historisierenden Straßenlampen gegen weit oben montierte LED-Felder ausgetauscht worden (dunkler im Lens-Flare u.r. zu sehen) – die Lampen erfüllen damit in Sachen oberer Abschirmung wie Farbtemperatur die Anforderungen für ‚gute‘ Stadtbeleuchtung.

Überhaupt befindet sich Fulda in dieser Beziehung in einer besonderen Position: Der dort ansässige Energieversorger RhönEnergie bzw. das OsthessenNetz haben sich die richtige Beleuchtung auf die Fahnen geschrieben und bieten seit diesem Monat überhaupt nur noch regelkonforme Lampen im Katalog an. Und RhönEnergie betreibt, mindestens in Deutschland einmalig, eine Art Demonstrationsstraße auf seinem – leider nur mit besonderer Vereinbarung zugänglichen – Betriebsgelände, auf dem zahlreiche moderne Lampen mit meist niedriger Farbtemperatur und guter Abschirmung demonstriert werden. Die Erfahrung wird auch in diesem Artikel auf den PDF-Seiten 34-36 beschrieben: Stadtplaner von überall mögen sich eingeladen fühlen, hier das rechte Licht zu finden!

Astronomische Attraktionen in Fulda gibt es ungefähr drei. Da wäre zum ersten auf dem Dach eines Nebengebäudes einer Schule die Hans-Nüchter-Stern­warte, die gleichermaßen als Volks- wie Schul­stern­warte dient, und deren 30-cm-Newton/Cassegrain gerade einen neuen Okular-Auszug erhalten hatte. Eine Etage tiefer gibt es auch ein Planetarium mit 4-m-Kuppel, das heute mit einem Beamer mit Fischaugen-Objektiv betrieben wird – aber früher war ein bemerkenswerter selbstgebauter optomechanischer Projektor im Einsatz gewesen.

Dieses Planetarium war wiederum Geburtshelfer beim Bau eines größerem Klein-Planetariums in einem Museum in der Stadtmitte, das einen ZKP-2-Projektor für den Sternenhimmel und Spacegate-Duo-Projektoren für Fulldome-Projektion kombiniert. Leider nicht mehr so bedeutend wie lange gedacht ist hingegen die unscheinbare Sonnenuhr auf der Michaelskirche neben dem Dom – denn nach neuesten Forschungen (der Autor stellte dankenswerterweise das komplette Paper zur Verfügung) stammt sie nicht etwa aus dem 9. Jahrhundert, was sie zu einer der ältesten Deutschlands gemacht hätte, sondern aus dem 13. oder 14. Jahrhundert:

[Daniel Fischer mit Susanne Hüttemeister; wir danken Marc Streit, Sabine Frank und Gerd Habersack für Unterstützung und Informationen – viele weitere und größere Bilder in diesem und diesem Album und diesem Thread]

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Astrojournalismus seit 1982

Veröffentlicht am 3. Oktober 2019, in Uncategorized. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

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