Im Erdbeer-Wahn …

erdbeer

Der Vollmond beeinflusst den (modernen) Menschen nicht, lästern wir Skeptiker ja gerne angesichts all der zähen Mythen über seine vermeintliche Wirkung auf das Gemüt – aber manchmal passiert’s doch: wenn nämlich einer plötzlich von irgendwem zum Sonderfall erklärt und die Schnappsidee von ‚den Medien‘ aufgegriffen wird und sich viral ausbreitet. So passiert es seit mehreren Jahren bei den längst als „Supermond“ in den auch astronahen Volksmund eingegangenen Vollmonden in Perigäumsnähe, die übrigens tatsächlich eine Schau für Genießer sind – und besonders krass wurde es bei der letzten totalen Mondfinsternis im September, über die der tollste Blödsinn verbreitet wurde: motiviert vor allem durch eine angebliche Seltenheit, die aber gar keine war, und in Kombination mit einem bis dahin wenig bekannten aber aufhorchen lassenden Begriff („Blutmond“).

Fast genau dieses Szenario hat sich nun wiederholt, aber an Stelle einer Mondfinsternis mit der heutigen Sommersonnenwende als Aufhänger – und der dem Vernehmen nach von den Algonkin stammenden nordamerikanischen Vollmond-Bezeichnung „Erdbeermond“ als Mem. Im Gegensatz zum MoFi-Schmarrn, den eine irreführende Webseite der NASA weltweit implantiert hatte, lässt sich nicht genau verfolgen, wie der zugegeben leckere Juni-Mond auch in Deutschland und Österreich in aller Munde kam, aber gestern war er plötzlich überall – zusammen mit der Behauptung, einen Vollmond am Tag der Sommersonnenwende habe es seit (mindestens) 1967 nicht mehr gegeben. Dass diese Behauptung Quatsch ist, lässt sich leicht durch den Vergleich entsprechender Tabellen zeigen, und der Fall traf ja für den Großteil der Menschheit v.a. in Asien 2016 nicht einmal zu. Und auch in Mitteleuropa nicht: Da fiel der Vollmond auf den gestrigen Mittag und die Sonnenwende erst in die Stunde nach Mitternacht heute.

Eine Konsequenz daraus waren zwei De-Facto-Vollmondnächte hintereinander, wobei die erste vom 19. zum 20. Juni – oben ein Bild mit den Planeten Saturn und Mars westlich vom Mond und Antares darunter – freilich medial keinerlei Beachtung fand: Alle Artikel bejubelten absurderweise erst die folgende Nacht. Und was wurde da nicht alles zusammen gesponnen: „Wenn Sommersonnenwende und Vollmond auf ein und dieselbe Nacht fallen, steht ein besonderes Naturschauspiel an: der sogenannte Erdbeermond,“ glaubt die Berliner Zeitung heute zu wissen: „So geschehen in der vergangenen Nacht.“ Der Bonner General-Anzeiger gewahrte „einen Anblick am Himmel, den es zuletzt 1967 gab, und der sich erst 2062 wiederholen wird: der sogenannte Erdbeermond. Der Himmelskörper strahlte in einem kräftigen Orange.“ Und die Tagesschau erfand gar die passende Physik dazu: „Durch die spät untergehende Sonne färbte er sich rötlich. Das Naturschauspiel wird Erdbeermond genannt.“

Da war nun also alles durch den großen Medien-Mem-Mixer gegangen: eine irrtümlich für unfassbar selten gehaltene kosmische Konstellation, die nur einmal im Leben eines Menschen (auch das ein populäres Sub-Mem) stattfände, die tatsächlich – wegen generell geringer Deklination des Juni-Vollmonds – häufig zu beobachtende zumindest gelbliche Verfärbung des Mondes und ein vermeintlich rote Farbe insinuierender Begriff, der in Wirklichkeit mit der Haupterntezeit für Erdbeeren im Neuengland zusammen hängt aber nun auf bedeutende physikalische Zusammenhänge hin zu deuten schien. Und einer schrieb vom anderen ab, ohne mal selber das Gehirn einzuschalten. Wieder einmal blieb es an uns Astrobloggern hängen, die Absurditäten gerade zu rücken, wie im bereits verlinkten Beitrag zur Häufigkeit solcher Konstellationen und z.B. auch hier, hier oder hier versucht (was immerhin hier von einer ‚echten‘ Zeitung aufgegriffen wurde). Nun könnte man sagen, so what, das bisschen Mond-Medien-Müll schadet doch keinem – aber wenn ‚die Medien‘ nicht mal einen derart leicht zu recherchierenden oder selber nachzurechnenden Sachverhalt korrekt …

Traurig stimmt auch, dass der Einmal-im-Leben-Erdbeer-Wahn die tatsächlich spannenden Aspekte des Vollmonds vom Juni 2016 überdeckt hat. Derzeit stehen nämlich die Vollmonde in dieser Jahreszeit besonders weit nördlich der Ekliptik, ein Effekt von 4 bis 5 Grad immerhin: Das war bereits im Mai auffällig gewesen, und auch dieses Mal wieder war klar zu erkennen (unterstes Bild), dass der Vollmond der Sonne nicht genau gegenüber stand, so dass ein Teil seiner unbeleuchteten Südpolregion und ein ungewöhnlicher südlicher Terminator deutlich zu erkennen war. Und der vielleicht substanziellste Beitrag zur Lage ergänzt: „Rund einen Tag vor Vollmond wurde die maximale Nordbreite erreicht, 5,2° nördlich der Ekliptik. […] Wir müssen, bedingt durch die Knotendrehung des Mondes, rund 9 Jahre warten, bis sich eine extreme Südbreite ergibt. Am 11. Juni 2025 wird der Vollmond eine Deklination von -28,09° erreichen und dies wird der südlichste Vollmond seit 100 Jahren sein.“ Was das erst wieder für ein Mem geben wird … [Daniel Fischer]

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Astrojournalismus seit 1982

Veröffentlicht am 21. Juni 2016 in Blog-Schau und mit , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

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