In die Steinzeit … auf dem Venusberg

Man weiß nicht, was sie über die Welt dachten und ob sie alle gleich waren oder einem Häuptling folgten – und auch nicht, was sie (oder ihn) bewogen hat, genau hier vor knapp 6000 Jahren einen beachtlichen Wall mit Graben anzulegen, der einen Geländesporn auf dem Venusberg in Bonn auf der flachen Seite vom Rest der Welt abtrennte. Dieser Abschnittswall – 1.80 Meter sind’s heute vom tiefsten Grabenteil bis zur Wallkrone, damals waren es 2.90 Meter – tritt auf dem Radarbild aus der Luft (dem farblich Höheninformation überlagert ist) sehr deutlich hervor: dort, wo die weiße Linie unterbrochen ist, die die natürliche Abgrenzung des Sporns nachzieht. Vor Ort fällt der Wall in einem Waldstück mehr oder weniger auf – und seit dem 20. Juli ist er zum zweiten Mal nach den 1980-er Jahren Gegenstand einer archäologischen Ausgrabung, die heute im Rahmen eines gut besuchten Pressetermins besucht werden konnte.

Die Ausgrabungsleiter Silviane Scharl und Erich Claßen im Schnitt durch den von neuerem Erdreich auf der rechten Seite teilweise verschnütteten Wall, dessen Profil durch eine etwas dunklere und rötlichere Färbung des Erdreichs auffällt. Anhand von Holzkohlenstückchen konnte per C14-Methode der frühere Befund bestätigt werden, dass der Wall der jungsteinzeitlichen Michelsberger Kultur zuzuordnen ist, allerdings gibt es keine Hinweise auf mehrere Bauphasen mehr: Oben wie unten ist er aus dem Zeitraum 3960 bis 3795 v.u.Z. Vage Hinweise gibt es auf einen Palisadenzaun oben drauf, weiter nicht die geringsten jedoch auf den Sinn der gezielten Isolation des Geländesporns mit 15 bis 20 Hektar Fläche: Schutz einer Siedlung darauf, von Viehbeständen, eines Handels- oder Ritual-Platzes? Auch Hinweise auf einen Eingang fehlen, allerdings sind die westlichen Teile des ca. 140 m langen Walls durch moderne Bauten zerstört. Trotzdem ist er unter den steinzeitlichen Erdwerken des Rheinlandes ein Unikat, denn überall sonst hat die Landwirtschaft Wälle aus dieser Zeit komplett eingeebnet. Und für Bonn ist er das älteste Zeugnis fester Besiedlung.

Etwas mehr Licht ins Dunkel der Michelsberger Kultur könnte der zweite Teil der insgesamt 30 Meter langen Grabung senkrecht zum Wall bringen, die den Graben davor untersucht, doch leider haben sich – wie auch bei der alten Grabung – bislang nicht die kleinsten Artefakte finden lassen, wie sie sich gerne mal in solchen Gräben ansammeln. Während gerade im Rheinischen Landesmuseum eine große Ausstellung zur Jungsteinzeit begonnen hat, kann die Ausgrabung am Samstag, dem 12. September, zwischen 10 und 13 Uhr auch von der Öffentlichkeit besichtigt werden (mit Führungen um 10, 11 und 12 Uhr; Anmeldung im LVR-Amt für Bodendenkmlpflege im Rheinland unter 0228/98341743 oder bei sabine.hermesdorff@lvr.de): Sie liegt direkt an der Einmündung des Bodelschwinghwegs in die Robert-Koch-Straße, nahe der Bushaltestelle Casselsruhe. Dies wird auch schon die letzte Chance sein, denn nach Abschluss der Grabungen Ende des Monats wird alles wieder zugeschüttet! Noch aber arbeitet man sich im Graben-Bereich in 10-cm-Schritten vor – abwechselnd wird dokumentiert und vermessen und dann weiter gegraben, rund 50 cm bis zum Grabengrund liegen noch vor dem Team:

[Daniel Fischer]

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Astrojournalismus seit 1982

Veröffentlicht am 10. September 2015 in Bilderstrecke, Forscher der Region, Veranstaltungsbericht und mit , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

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