Archiv für den Tag 4. April 2014

Trip to Treptow: zu Besuch bei Archenhold

Im Rahmen einer Vortragsreise nach Berlin hatte dieser Blogger gestern Gelegenheit, nach längerer Zeit mal wieder bei der Archenhold-Sternwarte in Alt-Treptow vorbei zu schauen: Der längste Refraktor der Welt (21 m Brennweite, 68 cm Öffnung; unten ein Modell) von 1896 sieht nach kürzlichem Neuanstrich wie aus dem Ei gepellt aus. Und das kleine aber feine astronomiegeschichtliche Museum hat auch einiges zu bieten.

Der Reichenbach-Meridiankreis der nicht mehr vorhandenen Sternwarte in Hamburg-Altona: Sein ehemaliger Fundamentsockel steht aber noch heute am alten Platz, als geodätischer Messpunkt erster Ordnung, da seine Position durch die vielen Sternmessungen höchst präzise bekannt ist.

Ein „Meteoroskop“ zur Vermessung von Meteorbahnen nach Nissl & Weiß, mit azimuthaler Visierleiste, Höhenquadrant – und Öllampe plus Spiegel zur Beleuchtung der Skalen: eine Leihgabe der Uni-Sternwarte Wien.

Eine kleine Äquatorial-Sonnenuhr aus Schlesien o.ä. um 1750, mit Polhöhen-Einstellung und zylindrischen Skalen.

Ein Auszugsfernrohr aus der üppigen „Leonardo Semitecolo“-Produktion (ganz unten) aus Venedig – schwer zu datieren.

Mikrophotometer von Hartmann und R. Toepfer aus Potsdam, 1950: Eine sukzessiv dunkler werdende Grauaufnahme wurde in den Strahlengang geschoben, bis das Beobachtungsobjekt unsichtbar wurde.

Der einzige (derzeit) bekannte Überrest jenes Heliometers der Sternwarte Königsberg, mit dem F. W. Bessel 1838 die erste Sternparallaxe maß: eine Mikrometerschraube! Ein Mitarbeiter der Archenhold-Sternwarte ist übrigens weiter guter Hoffnung, noch mehr Teile dieses legendären Teleskops finden zu können …

Mehrere Quadratmeter großes Modell des Jantar Mantar von Jaipur, des großen Bruder der entsprechenden Anlage in Delhi.

Zum Schluss noch ein Blick in die aktuelle Sonderausstellung „Meßstation Himmel – Arbeitsplatz Erde – Astronomie und Ortsbestimmung“: hier ein Instrument zur astronomischen Ortsbestimmung von Luftschiffen namens Orion der Berliner Optischen Anstalt Goertz, das eher eine Art Analog-Computer zu sein scheint.

Und ein Portrait und Buch – La figure de la terre – von Pierre-Louis Moreau de Maupertuis, der auf dem Kupferstich von J. Daullé von 1741 die Erde platt drückt: Im Gegensatz zu Cassini tippte Maupertuis richtig, dass sie durch ihre Rotation in die Breite gehen würde. [Daniel Fischer. NACHTRÄGE: das erste Panorama größer; beide mit AutoStitch erstellt – und das Ganze mal in Bewegung mit Sound und in einem Wochenschau-Clip von 1931 sowie ein langer spanischer Besuchsbericht von 2017]

Himmel bewegt Bonner auch am Montag

Die astronomischen Zeitraffer-Videos von Michael Kunze gehören inzwischen zum Standard-Repertoire der großen Astrotagungen in Bochum und Würzburg – und waren am 31. März auch Thema eines Montagsvortrags in der VSW Bonn, der rund 30 begeisterte Zuschauer anlockte. Traditionell sind es Donnerstagabende, an denen die VSW Bonn zu öffentlichen Vorträgen läd, aber mit dem Erfolg diese Woche dürfte sich das neue Angebot als Zweit-Termin etabliert haben. Dank des entspannten Formats von einer Stunde und mehr konnte Kunze nicht nur etliche seiner vielen Videos aufführen sondern auch über ihre Entstehung berichten: Erst seit 2010 betreibt Kunze dieses exotische Hobby – und fast immer nebenher bei normalen Urlaubsreisen, was ihn von den ‚Profis‘ der Timelapse-Szene unterscheidet.

Auch stilistisch setzen sich Kunzes Videos oft deutlich von der Konkurrenz ab: Fast gänzlich wird auf Dolly-Fahrten der Kamera verzichtet, zu bewegen hat sich vor allem der Himmel. Oft sind es keine wirklich einsamen Standorte, so dass öfters Menschen, Autos und Scheinwerfer durch’s Bild huschen (unter gleichwohl dunklem Himmel natürlich). Und auch Nächte mit vielen Wolken werden in den Filmen verwertet. All dies schafft eine deutlich authentischere Atmosphäre als in den immer mehr auf ultimative Perfektion getrimmten Werken der ‚Profis‘: Auch dieser Aspekt wurde vom Publikum – und speziell diesem Blogger – wohlwollend zur Kenntnis genommen. [Daniel Fischer – der eingebettete Teneriffa-Film ist übrigens erst nach dem Vortrag fertig geworden]

05.04.: Drei Veranstaltungen in der Region zum Astronomietag 2014

Ob morgen Abend der Blick durch ein Fernrohr wieder Kinderaugen strahlen lässt, lässt sich wegen der angekündigten wechselnden Bewölkung leider nicht sagen. Stattfinden werden die regionalen Veranstaltungen zum diesjährigen bundesweiten 12. Astronomietag aber auf jeden Fall und diesmal sind engagierte Bonner Sternfreunde sogar an gleich drei Orten unterwegs. Zum einen treffen sich Hobbyastronomen des Köln-Bonner-Astrotreff (KBA) auf einer Wiese nahe des Freibads in Sankt Augustin und parallel findet zur gleichen Zeit eine Veranstaltung am Argelander-Institut (AIfA) in Bonn-Endenich statt. Ab 18:00 Uhr gibt es hier die Möglichkeit zur Sonnenbeobachtung und im Anschluss an einen Vortrag wird dann hoffentlich noch der zunehmende Mond sowie der Riesenplanet Jupiter ins Visier genommen. Dieser Programmpunkt ist zugleich der Startschuss für die große und abwechslungsreiche Veranstaltungsreihe „Der Himmel über Bonn – Astronomie für jedermann“, die gemeinsam vom astronomischen Institut und der Volkssternwarte Bonn bis Ende Dezember durchgeführt wird. Die dritte Aktion in der Region zum Astronomietag 2014 findet am Observatorium Hoher List (übrigens finden ab sofort bis Ende Oktober regelmäßig wieder die Mittwochsführungen statt) bei Schalkenmehren in der Vulkaneifel statt. Hier gibt es Vorträge für Kinder und Erwachsene sowie die Möglichkeit den Planeten Jupiter durch ein 1-Meter-Teleskop zu beobachten.

Da bleibt mir nur noch zu sagen: clear skies für den Astronomietag 2014! [Nico Schmidt]