Archiv für den Tag 13. Dezember 2013

Komet Lovejoy: Eine Zeichnung und ein Foto von heute früh

Michael Hillen

Ausgerechnet am Freitag, den 13. hatte ich endlich mein Wetterglück – ein morgendlicher Sternhimmel ohne Hochnebelsuppe oder Wolken – und noch dazu war ich um halb 6 ohne Wecker aufgewacht. Ich öffnete das Dachfenster, staunte über den hohen Stand der Frühlingssternbilder und sah bei frostigen Temperaturen zum ersten Mal den ISON-Ersatzkometen Lovejoy (C/2013 R1). Bei einem Schwenk mit dem 10×50-Fernglas über den Eckstern zeta Her fiel die relativ helle Koma sofort auf; ihre Helligkeit schätzte ich auf rund 6,0mag. Schwächer aber dennoch ohne Schwierigkeiten erkennbar war der lange Gasschweif, der visuell über eine Länge von 1 Grad sichtbar war (bis zur Hälfte der Strecke in Richtung des nächsten hellen Sterns), mit indirektem Sehen und leichtem Wackeln des Fernglases sogar noch etwas weiter. Gegen 6 entschied ich mich für eine Zeichnung, wobei ich zunächst eine grobe Skizze machte und später am Tag eine fertige Illustration meines Anblicks im Fernglas erstellte.

Während ich heute früh eher zu Bleistift und Papier griff, machte etwa zeitgleich KBA-Sternfreund Michael Hillen eine sehr schöne Übersichtsaufnahme von Lovejoy. Farbeindrücke sind für visuelle Beobachter nicht wahrnehmbar, dagegen zeigt das Foto wunderbar den eindrucksvoll grünlich – vermutlich durch C2-Moleküle verursacht – leuchtenden Kopf des Schweifsterns. [Nico Schmidt]

Drei Jahrzehnte deutsche Kometenforschung live auf der Bühne

Veteranen der deutschen Kometen-Forschung vor Ort bis in die Halley-Tage zurück gaben sich gestern auf dem 26. Raumfahrt-Kolloquium an der FH Aachen – hier eröffnet von deren Rektor M. Baumann – die Klinke in die Hand, das den Bogen von den direkten Besuchen bei Kometenkernen seit 1986 bis zu den großen Erwartungen an die Rosetta-Mission spannte: Die sieben ausführlichen Vorträge erwiesen sich als geradezu komplementär zu den Präsentationen auf dem ESA-Briefing zu Rosetta zwei Tage früher und förderten manch neuen Aspekt zutage.

Den Anfang machte Diedrich Möhlmann, früher beim Institut für Planetenforschung des DLR in Berlin und noch früher eine treibende Kraft der Planetenforschung in der DDR – und immer noch aktiv: Nächstes Jahr erscheint ein Buch von ihm zur Rosetta-Mission, in dem, so Möhlmann geheimnisvoll zu diesem Blog, auch Wurzeln der aktuellen Mission in der DDR aufgezeigt werden sollen.

Auf eine fulminante Reise zu den fünf Kometenkernen, derer im Vierteljahrhundert 1986 bis 2010 Sondenkameras aus der Nähe ansichtig wurden, nahm Horst Uwe Keller (jetzt TU Braunschweig) das Publikum mit, der selbst die Kamera von Giotto konstruiert hatte – für die mehr Software erforderlich war als für die Sonde selbst und alle anderen Instrumente zusammen, musste sie noch von einem rotierenden und 70 km/s schnellen Raumfahrzeug aus auf den Kometenkern nachführen. Der Erkenntnisgewinn von Mission zu Mission war groß, aber die offen gebliebenen Fragen – v.a. zum Innenleben und Verhalten der Kometenkerne – sind es auch.

Eine völlig andere Perspektive auf moderne Planetenforschung bot Klaus Wittmann, der eigentlich im Ruhestand immer noch Vorlesungen zum Management von Missionen an der FH hält – und in der Anfangsphase für jenes verwegene Projekt zuständig war, aus dem nach manchen Wirrungen der Kometenlander Philae auf Rosetta wurde: Nicht oft benutzt ein (ehemals führender) Manager eines laufenden Raumfahrtunternehmens das Adjektiv „chaotisch“ in einem öffentlichen Vortrag, verschwanden doch immer wieder Projektpartner und traten neue dem Konsortium bei.

Wie auch Keller betonte Martin Hilchenbach (MPI für Sonnensystemforschung), dass sich die wissenschaftlichen Fragestellungen für Rosetta verschoben haben, seit insbesondere die von Stardust mitgebrachten stark erhitzten Kometen-Staubteilchen bewiesen, dass keineswegs nur unveränderte Urmaterie des Sonnensystems in Kometenkernen zu finden sein wird – namentlich denjenigen der Jupiter-Familie, die sich wegen ihrer bekannten Bahnen und häufigen Wiederkehr als einzige für Sondenbesuche eignen.

Koen Geurts vom DLR in Köln, wo wesentliche Steuer-Aufgaben für Philae erledigt werden sollen, erläuterte die Herausforderungen der ersten Kometenlandung – wenn der Komet denn auch „feindlich“ sein muss – und die detaillierte Planung: So soll während des mehrstündigen Abstiegs des Landers tatsächlich Kontakt mit Rosetta gehalten werden.

Wiederum ein Veteran aus Giotto-Tagen – und langjähriger Mission Manager von Rosetta – war Gerhard Schwehm, der über künftige Asteroiden- und Kometen-Missionen sprach: ein gemischtes Thema, da erstere zwar von mehreren Ländern vorangetrieben (aber in den USA zunehmend in Planungen der bemannten Raumfahrt aufgesaugt) werden, während nennenswerte Kometenmissionen nach Rosetta nicht in Sicht sind.

Zum Schluss ging noch die Patin der deutschen Exobiologie, Gerda Horneck (früher DLR Köln) auf die mögliche Rolle von Kometen bei der Entstehung des Lebens hier & anderswo ein: Zumindest der Masseneintrag organischer Materie durch abstürzende Kometenkerne ist enorm, doch wann, warum und wie der Funke des Lebens zündet, ist so unklar wie eh und je. In einem Jahr wird ein Großteil der Rosetta-Mission schon Geschichte sein und sicher auch bald wieder Thema der alljährlichen Aachener Kolloquien, wo die Mission auch schon in vergangenen Jahren mehrfach eine Rolle spielte – auch das ein Zeichen für ihre Bedeutung in der europäischen Raumfahrt.