Vor 100 Jahren: Als sich Hertzsprung und Russell in Bonn trafen

August 2013

August 1913 [University of Chicago Photographic Archive; apf6-04474]

 

Heute ist der im Frühjahr 1913 fertiggestellte Neubau der Bonner Physiker gut hinter Bäumen versteckt und bis auf ein Schwarz-Weiß-Foto erinnert nichts an die hier im selben Jahr stattgefundene Konferenz internationaler Astrophysiker. Die einzige erkennbare Verbindung beider Bilder ist die Fassade; dort wo das Gruppenfoto (beschriftete Version) mit den fast 100 Tagungsteilnehmern vor den Fenstern des rechten Flügels entstand, wachsen heute Büsche und ein hoher Strauch. Gestern vor 100 Jahren ging sie zu Ende: Die Tagung der als Solar Union bekannten Sonnenforscher-Vereinigung. Gegründet wurde sie 1904 von George Ellery Hale, dem Pionier der modernen Sonnenforschung und nur sechs Jahre nach dem Treffen in Bonn ging aus der Solar Union die Internationale Astronomische Union (IAU) hervor. Die IAU-Vorgängerorganisation verstaltete aber längst keine reine Sonnentagung, diskutiert wurden Solarphysik, stellare Astrophysik und Arbeiten zur Spektroskopie, und wer Rang und Namen auf diesen Gebieten hatte, kam im Sommer 1913 nach Bonn: Edward C. Pickering, Annie Jump Cannon, Max Wolf, Hertzsprung, Russell, Eddington, Schwarzschild, Ludendorff, Plaskett, Strömgren usw. – nur der Gründer George Ellery Hale hatte keine Zeit.

Die Bonner Versammlung der Solar Union fand vom 30. Juli bis 05. August 1913 statt. Die Gastgeber waren der Physikprofessor Heinrich Kayser, Nachfolger von Heinrich Hertz, und der Astronomieprofessor Karl Friedrich Küstner von der Bonner Sternwarte in Poppelsdorf; als Tagungsort wurde das neue Physikalische Institut in der Nußallee ausgewählt. Die „Sonnentagung in Bonn“ fasste Dieter B. Herrmann 1994 so zusammen: „Die Atmosphäre auf der Tagung war ausgesprochen familiär. Die spezifischen Themen der Sonnenforschung, die in Berichten und Beschlüssen zum Ausdruck kamen, umfassten die Sonnenstrahlung (Solarkonstante), die Wellenlängennormale, Sonnenfinsternisse, die Bestimmung der Sonnenrotation aus den Radialgeschwindigkeiten des Randes u.a. Für die Astrophysik waren die Diskussionen zur Klassifikation der Sternspektren von bevorzugtem Interesse, die unter der Leitung von Pickering geführt wurden.“ So wurde hier die von Annie Jump Cannon entstandene Harvard-Klassifikation allgemein anerkannt. Neben dem offiziellen Tagungsprogramm gab’s auch ein umfangreiches Unterhaltungsangebot: Essen mit dem Bonner Oberbürgermeister am Ankunftstag, ein organisierter Überflug eines Zeppelins aus Köln, Bootstour auf dem Rhein, Autofahrt an die Mosel nach Cochem (für die „Damen und älteren Herren“) und Wanderung ins Siebengebirge (für die „wanderlustigen jüngeren Herren“) sowie eine Bahnfahrt nach Köln, wo es neben dem Dombesuch ein feierliches Bankett mit dem Kölner Oberbürgermeister im Gürzenich gab.

Am Freitagabend, 01. August, luden Direktor Küstner und seine Frau zur Sternwarte in Poppelsdorf ein, wo eine „stimmungsvolle Gartenparty“ stattfand und sich die Gäste wie auf „heiligem Boden“ vorkamen. „Das wunderschöne Gelände der Sternwarte war geschmackvoll dekoriert und die Gäste fühlten sich durch den Gastgeber und seine charmante Frau und Töchter ganz wie zu Hause.“ Vor dem Abendessen wurde natürlich noch das Sternwartengebäude mit den Instrumenten und sicher auch der nebenstehende Kuppelbau mit dem größten Teleskop Bonns besichtigt, aber natürlich fand Argelanders Bonner Durchmusterung das größte Interesse. Da ist es nicht schwer vorstellbar, dass bei dieser Besichtigung auch Edward C. Pickering der Satz über die Lippen kam: „This is the smallest telescope in the world, with which the greatest work has been accomplished!“ Mit dem kleinsten Fernrohr ist der Refraktor mit 77mm Öffnung gemeint, mit dem Argelander in 7 Jahren Beobachtungszeit die größte Arbeit vollendet hat. Man kann sich sogar vorstellen, wie sich Ejnar Hertzsprung und Henry Norris Russell bei einer Tasse Küstners Tee über Rote Riesen, Weiße Zwerge, Sternentwicklung und andere Einzelheiten ihrer Arbeiten diskutierten. Vielleicht sah Hertzsprung sogar Russells Entwurf eines Sterndiagramms.

Beide Sternforscher, nach denen das Hertzsprung-Russell-Diagramm benannt ist, begneten sich in Bonn zum ersten Mal. Wie es 1913 zur Entstehung des wichtigsten Diagramms der Astrophysik kam, kann man übrigens im aktuellen Heft 89 der Zeitschrift interstellarum nachlesen.

Tagungsberichte zum Treffen der Solar Union 1913 in Bonn:

[Nico Schmidt]

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Veröffentlicht am 6. August 2013 in Uncategorized und mit , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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