Von Linien und Punkten, Zwergen und Riesen

Blickt man in einer klaren Nacht hoch an das Himmelszelt, so erscheinen die unzähligen Sterne nur als bloße Lichtpunkte, doch mit der Entdeckung der sog. Fraunhoferlinien – nach dem genialen Optiker Joseph Fraunhofer benannt – vor ziemlich genau 200 Jahren im bayrischen Benediktbeuern war der Schlüssel zur direkten Erforschung der Gestirne gefunden – selbst wenn die zu untersuchenden Studienobjekte Lichtjahre weit entfernt sind. Vor etwa 150 Jahren begründeten schließlich der Physiker Gustav Kirchhoff und der Chemiker Robert Bunsen in Heidelberg die Spektralanalyse und begannen den im Sternlicht versteckten „Strichcode“ zu verstehen; das vor 100 Jahren erdachte Hertzsprung-Russell-Diagramm (HRD), basierend auf der Entdeckung von Sternriesen und -zwergen durch Ejnar Hertzsprung und Henry Norris Russell, war ebenfalls ein wegweisender Meilenstein für die Stellarastronomie. Diese spannende Entwicklung in der Astronomie hat Michael Geffert in einem Vortrag am 31. Mai im Kontext zur Bonner Astronomiegeschichte dargestellt. Während zu Argelanders Zeiten an der alten Sternwarte in Poppelsdorf noch einige der ersten Sternentfernungen bestimmt wurden, hielt ab 1900 mit der Aufstellung des großen Doppelrefraktors in einem nebenstehenden Kuppelbau (heute Heimat der Volkssternwarte Bonn (VSB)) die Spektroskopie Einzug in die Bonner Astronomie.

Vor allem sind hier Karl Friedrich Küstner und Waltraut Seitter zu nennen. Küstners Arbeitsgebiet war die Bewegungen von Sternen und Kugelsternhaufen und so bestimmte er spektroskopisch u.a. Radialgeschwindigkeiten (Bild 3 zeigt ein Spektrum des Sterns alpha Ari), wobei dies umgekehrt sogar Rückschlüsse auf die Bewegung der Erde um die Sonne zulässt. Mit 18 Spektren des hellen Sterns Arktur (alpha Boo), aufgenommen im Juni/Juli 1904 und Dezember/Januar 1905, konnte Küstner aus den Verschiebungen von Spektrallinien auf die Erdgeschwindigkeit und damit auf den Abstand von der Erde zur Sonne – Astronomische Einheit (AE) genannt – bestimmen. Dazu gibt es auch Praktikumsaufgaben „für Schlechtwetter-Astronomie“ (ohne Lösung, mit Lösung). 60 Jahre später folgte dann der von Waltraut Seitter erstellte „Bonner Spektralatlas“, die erste Habilitationsschrift einer Astronomin in Deutschland. Und es wurde sogar versucht, ob mittels Spektroskopie Aussagen über den Aufbau unserer Umgebung in der Milchstraße (Bild 4) möglich sind.

Nach dem für mich sehr interessanten Vortrag, obwohl es eigentlich nur um die Analyse von Linien ging, wurde erneut die vor einem Jahr geschlossene Bonner Universitätssternwarte auf dem Hohen List in der Eifel thematisiert. Wie es hieß, wird es wohl sehr wahrscheinlich dazu kommen, dass die großen Teleskope deutschlandweit ausgeschrieben werden. Das 1953 aufgestellte Schmidt-Teleskop (50 Zentimeter Spiegel, 34 Zentimeter Öffnung, 1,4 Meter Brennweite), mit dem der „Bonner Spektralatlas“ entstand, ist glücklicherweise schon gerettet und soll beim Käufer als Gartensternwarte genutzt werden. Und das 170 Jahre alte Heliometer Argelanders ist endlich für die Öffentlichkeit zugänglich und kann ab sofort im neuen Universitätsmuseum besichtigt werden.

Anschließend konnte man noch einen Blick in den Raum der entstehenden „Sammlung historischer Himmelsaufnahmen“ werfen, auch wenn diese eigentlich noch rudimentär über drei Räume verteilt ist. Ein paar historische Geräte waren zu sehen und auf zwei Tischen lagen ausgebreitet alte Arbeitsmaterialien: Darunter Blätter des „Bonner Spektralatlas“ mit einem Massenspektrometer links (Bild 5), das im Sommer 1983 und Anfang 1984 bei zwei Space-Shuttle-Missionen mitflog, sowie eines von drei Objektivprismen des Schmidt-Teleskops (Bild 6), das dem Bonner Astronomen Theodor Schmidt-Kaler mal auf den Fuß fiel, wie Herr Geffert erzählte. Außerdem versuchten sich einige Besucher mit kleinen Bastel-Spektroskopen am Erkennen der Fraunhoferlinien im Sonnenlicht und tatsächlich war schwach aber immerhin der Schlüssel zur Physik der Sterne darin sichtbar.

Übrigens wird die astronomiegeschichtliche Reihe zur „Sammlung historischer Himmelsaufnahmen“ im Spätsommer erneut mit drei Vorträgen fortgesetzt, wobei im August ein Vortrag zum Bonner Doppelrefraktor folgen wird. Und wer Näheres zur Geschichte des vor genau 100 Jahren entstandenen Hertzsprung-Russell-Diagramms erfahren möchte, dem sei noch die nächste Ausgabe der Zeitschrift „interstellarum“ empfohlen; das Heft 89 erscheint am 19. Juli. [Nico Schmidt]

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Veröffentlicht am 25. Juni 2013 in Forscher der Region, Vortragsbericht und mit , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

  1. Das Bonner Uni-Museum ist ab morgen geöffnet: In dieser Pressemitteilung gibt’s Öffnungszeiten und Eintrittspreise.

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