Archiv für den Tag 13. Januar 2013

„2001: A Space Odyssey“ – ganz neu erfahren mit Live-Musik und in Großprojektion!

 
 

Kann man einen Tonfilm mit Livemusik aufführen, noch dazu mit einem ausgewachsenen Orchester (der NDR Radiophilharmonie) und einem großen Chor (dem NDR Chor) und das Ganze in einer riesigen Konzerthalle (der Kölner Philharmonie)? Man kann – und wie: so geschehen gestern Abend mit dem legendären Science-Fiction-Epos „2001: Oydssee im Weltraum“, das Stanley Kubrik nach Missfallen am bestellten Score kurzerhand mit erlesener Klassik von der Schallplatte unterlegt hatte. Die kam nun zur Gänze zu einer HD-Videoprojektion (die auch ein kurzzeitiger Beamer-Ausfall nicht bremsen konnte, just als HAL 9000 endgültig durchdrehte – „I’m sorry, Dave, I’m afraid I can’t do that“) auf einer Riesenleinwand auf den Schnitt-Punkt und Sekundenbruchteil genau – wie hat Dirigent Frank Strobel das nur gemacht? – zur Aufführung, von den zwei Strauss/ßen über Ligeti bis zu Chatschaturjan. Das Ton-Konzept Kubriks half: Dialoge und Soundeffekte (der Weltraum ist wirklich lautlos) kommen nur sparsam zum Einsatz und fast nie zusammen mit der Filmmusik.

Längere Musikpausen führten mitunter zu unfreiwilliger Komik, etwas als sich die „Dawn of Mankind“-Affenmenschen ausgiebig auf der Leinwand amüsierten, während das befrackte Orchester darunter nur ungerührt zuschauen konnte, aber das Gesamt-Ton-Bild erwies sich als überraschend stimmig. Beim Abspann – verlängert um allerlei Danksagungen für die zweiten Noten-Sortierer o.ä. – konnte das Orchester noch einmal alles geben, was das Publikum im weitgehend ausverkauften Saal mit frenetischem Beifall belohnte (der sogar die U-Bahn übertönt hätte). Und obwohl es nur eine 2K-Videoprojektion war, brachte auch der Film im Großformat manch neue Erkenntnis über die herausragende Qualität der nun schon 45 Jahre alten Visual Effects wie auch kuriose Einfälle beim Set Design. Etwa den ellenlangen Text der Gebrauchsanweisung der Zero-G-Toilette – ob man den in der 70-mm-Version wohl entziffern kann? Einen unverhofften Bonus hatte es vor Beginn der Aufführung gegeben, als Strobel einen Gast vorstellte: keinen geringeren als Jan Harlan, seines Zeichens Schwager Kubriks und Ausführender Produzent von dessen Filmen seit 1975. Bei den endlosen Debatten Clarkes und Kubriks über das unerhörte „2001“-Projekt saß er immerhin schon mal am Tisch, und auch bei der Premiere war er dabei – als 200 Zuschauer noch vor dem Ende die Flucht ergriffen.

Gerettet hätten „2001“ erst „junge Männer zwischen 12 und 25“, so Harlan (unter dem Gelächter der anwesenden Damen), die bald in Scharen und auch mehrfach in den Film gingen. Und nach Kubriks Tod wurde Harlan gar in den Vatikan eingeladen, wo „2001“ in einer zu einem Kino umgebauten Kirche (da hätte man im Vatikan ja genug von) zur Aufführung kam: Am Ende gratulierte ein Kardinal und meinte, der Agnostiker Kubrik habe trotzdem „ins Schwarze getroffen“. Optisch übrigens nicht ganz ohne Vorbild: Gar manche der Raumfahrt-Szenen zu Beginn des 2. Teils von „2001“ („Tycho Magnetic Anomaly-1“) sind Visionen der letzten 10 Minuten der „Straße zu den Sternen“ von Pawel Kluschanzew aus dem Jahre 1957 in vielen Details nachempfunden. Dessen sowjetische Komplettfassung ist hier (unter einem Jux-Trailer für „2001“ in modernem Kino-Stil und dem Originaltrailer von 1968) zu bestaunen: eine Dokumentation zur Raumfahrtgeschichte, -technik und -zukunft mit Spielszenen, die ebenfalls verblüffend zeitlos geraten ist. Schon erstaunlich und auch traurig, dass die meisten Spiel- wie Dokumentarfilme heute nicht mal mehr das erreichen, was Pioniere des Kinos schon vor einem halben Jahrhundert auf die Leinwand brachten … [Daniel Fischer]

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