Archiv des Autors: skyweek

Das war der Astronomietag 2014 in Bonn

Nerven behalten war angesagt beim heutigen Astronomietag in Bonn, der dort zugleich die Eröffnungsveranstaltung gemeinsamer Aktivitäten von Amateur- und Profiastronomen des Jahres war: Während des Vortrags eines der letzteren, Michael Geffert (unten), war der zunächst hartnäckig bedeckte Himmel plötzlich aufgerissen und gab den Blick auf Jupiter und Mond frei, denen mit drei Teleskopen von VSW-Bonn- und KBA-Mitgliedern näher getreten werden konnte. [Daniel Fischer]

Trip to Treptow: zu Besuch bei Archenhold

Im Rahmen einer Vortragsreise nach Berlin hatte dieser Blogger gestern Gelegenheit, nach längerer Zeit mal wieder bei der Archenhold-Sternwarte in Alt-Treptow vorbei zu schauen: Der längste Refraktor der Welt (21 m Brennweite, 68 cm Öffnung; unten ein Modell) von 1896 sieht nach kürzlichem Neuanstrich wie aus dem Ei gepellt aus. Und das kleine aber feine astronomiegeschichtliche Museum hat auch einiges zu bieten.

Der Reichenbach-Meridiankreis der nicht mehr vorhandenen Sternwarte in Hamburg-Altona: Sein ehemaliger Fundamentsockel steht aber noch heute am alten Platz, als geodätischer Messpunkt erster Ordnung, da seine Position durch die vielen Sternmessungen höchst präzise bekannt ist.

Ein “Meteoroskop” zur Vermessung von Meteorbahnen nach Nissl & Weiß, mit azimuthaler Visierleiste, Höhenquadrant – und Öllampe plus Spiegel zur Beleuchtung der Skalen: eine Leihgabe der Uni-Sternwarte Wien.

Eine kleine Äquatorial-Sonnenuhr aus Schlesien o.ä. um 1750, mit Polhöhen-Einstellung und zylindrischen Skalen.

Ein Auszugsfernrohr aus der üppigen “Leonardo Semitecolo”-Produktion (ganz unten) aus Venedig – schwer zu datieren.

Mikrophotometer von Hartmann und R. Toepfer aus Potsdam, 1950: Eine sukzessiv dunkler werdende Grauaufnahme wurde in den Strahlengang geschoben, bis das Beobachtungsobjekt unsichtbar wurde.

Der einzige (derzeit) bekannte Überrest jenes Heliometers der Sternwarte Königsberg, mit dem F. W. Bessel 1838 die erste Sternparallaxe maß: eine Mikrometerschraube! Ein Mitarbeiter der Archenhold-Sternwarte ist übrigens weiter guter Hoffnung, noch mehr Teile dieses legendären Teleskops finden zu können …

Mehrere Quadratmeter großes Modell des Jantar Mantar von Jaipur, des großen Bruder der entsprechenden Anlage in Delhi.

Zum Schluss noch ein Blick in die aktuelle Sonderausstellung “Meßstation Himmel – Arbeitsplatz Erde – Astronomie und Ortsbestimmung”: hier ein Instrument zur astronomischen Ortsbestimmung von Luftschiffen namens Orion der Berliner Optischen Anstalt Goertz, das eher eine Art Analog-Computer zu sein scheint.

Und ein Portrait und Buch – La figure de la terre – von Pierre-Louis Moreau de Maupertuis, der auf dem Kupferstich von J. Daullé von 1741 die Erde platt drückt: Im Gegensatz zu Cassini tippte Maupertuis richtig, dass sie durch ihre Rotation in die Breite gehen würde. [Daniel Fischer. NACHTRAG: das erste Panorama größer; beide mit AutoStitch erstellt]

Himmel bewegt Bonner auch am Montag

Die astronomischen Zeitraffer-Videos von Michael Kunze gehören inzwischen zum Standard-Repertoire der großen Astrotagungen in Bochum und Würzburg – und waren am 31. März auch Thema eines Montagsvortrags in der VSW Bonn, der rund 30 begeisterte Zuschauer anlockte. Traditionell sind es Donnerstagabende, an denen die VSW Bonn zu öffentlichen Vorträgen läd, aber mit dem Erfolg diese Woche dürfte sich das neue Angebot als Zweit-Termin etabliert haben. Dank des entspannten Formats von einer Stunde und mehr konnte Kunze nicht nur etliche seiner vielen Videos aufführen sondern auch über ihre Entstehung berichten: Erst seit 2010 betreibt Kunze dieses exotische Hobby – und fast immer nebenher bei normalen Urlaubsreisen, was ihn von den ‘Profis’ der Timelapse-Szene unterscheidet.

Auch stilistisch setzen sich Kunzes Videos oft deutlich von der Konkurrenz ab: Fast gänzlich wird auf Dolly-Fahrten der Kamera verzichtet, zu bewegen hat sich vor allem der Himmel. Oft sind es keine wirklich einsamen Standorte, so dass öfters Menschen, Autos und Scheinwerfer durch’s Bild huschen (unter gleichwohl dunklem Himmel natürlich). Und auch Nächte mit vielen Wolken werden in den Filmen verwertet. All dies schafft eine deutlich authentischere Atmosphäre als in den immer mehr auf ultimative Perfektion getrimmten Werken der ‘Profis’: Auch dieser Aspekt wurde vom Publikum – und speziell diesem Blogger – wohlwollend zur Kenntnis genommen. [Daniel Fischer - der eingebettete Teneriffa-Film ist übrigens erst nach dem Vortrag fertig geworden]

Aurora, die dritte: In der Ruhe liegt die Kraft …

Kapitel 1: Das grüne Band von Sommarøy

19:39, 41 und 50 und 20:00 und 11 MEZ: 60 Sekunden bei Blende 2.8 und ISO 400

Nach dem Spektakel auf schwankenden Planken im Dunkeln und der suburbanen Show nun in der dritten Nacht Polarlicht auf festem Boden und bei dunklem (und schon wieder klarem) Himmel: bei einem organisierten Ausflug, der bis auf die kleine Insel Sommarøy führte. Allerdings wollte die Aurora nicht so recht: stundenlang nur ein – wenn auch mitunter helles – grünes Band im Norden, das nur zuweilen ein paar Wellen schlug. Trotzdem ein beeindruckendes Bild, mit im Osten der fernen Lichtglocke Tromsøs.

20:29 MEZ: 40 Sekunden bei Blende 2.8 und ISO 400

In Gegenrichtung über den Köpfen der Aurora-Fotografen dagegen keinerlei Aktivität: Das Nordlicht blieb – auch auf 69°38′ Nord ein nördliches solches.

20:55 MEZ: 25 Sekunden bei Blende 2.8 und ISO 800

20:59 MEZ: 50 Sekunden bei Blende 2.8 und ISO 400.

21:24 MEZ: 30 Sekunden bei Blende 2.8 und ISO 800

21:29 MEZ. 60 Sekunden bei Blende 2.8 und ISO 400

Etwas mehr Struktur im Band, über dem Lagerfeuer der Expedition: Strandidylle bei -10°C (oder so) in tiefer Nacht.

Kapitel 2: Der norwegische Bus-Zauber … geht immer

21:53 MEZ: 3.2 Sekunden(!) bei Blende 2.8 und ISO 1600

Was schon bei der Beobachtung am Abend zuvor mit dem Tromsøer Linienbus geklappt hatte, geht auch auf Charter-Fahrt: Kaum saßen die meisten im Bus, kam es ohne Vorwarnung doch noch zu einem Substurm – das Polarlicht war anfangs so hell, dass man es wie hier locker aus der freien Hand fotografieren konnte. Man beachte, dass praktisch keine Sterne zu sehen sind: wesentlich kürzere Belichtung, Aurora trotzdem ausbelichtet!

21:56 MEZ: 10 Sekunden bei Blende 2.8 und ISO 800

21:58 MEZ: 15 Sekunden bei Blende 2.8 und ISO 800

22:00 MEZ: 20 Sekunden bei Blende 2.8 und ISO 800

Spätere Phasen des schon wieder abschwellenden Substurms, bei dem die Aurora erstmals weit über das grüne Band hinaus ragte. Dann ging die Fahrt aber doch los, die Berge der Insel Kvaløya.

Kapitel 3: Das Glimmen in den Bergen

23:08 und 09 MEZ: 25 Sekunden bei Blende 2.8 und ISO 800

Bei der Ankunft dort 45 Minuten später hatte sich das Bild abermalls völlig verändert: Das grüne Band war weg, dafür glimmte der halbe Himmel matt, mit zuweilen isolierten Strahlen im Norden.

23:43 MEZ: 30 Sekunden bei Blende 2.8 und ISO 400

Und plötzlich war auch das grüne Band wieder da, knapp über der Bergkante zu sehen …

23:53 MEZ: 25 Sekunden bei Blende 2.8 und ISO 400

… und wurde “natürlich” wieder deutlich heller, als die meisten erneut im Bus saßen. Da besagt der skandinavische Volksglauben, man dürfe Polarlichter nicht verspotten, sonst kämen sie einen holen – aber wir wurden regelmäßig von der Aurora gefoppt!

23:59 MEZ: 30 Sekunden bei Blende 2.8 und ISO 800

Die dann aber bald wieder keine Lust mehr hatte und nur noch ein sehr diffuses Glimmen schickte. Auch wenn große Substürme wie an den zwei Abenden zuvor diesmal nicht dabei waren: Wieder hatte es mehrere “neue” Spielarten des überaus abwechslungsreichen Phänomens Nordlicht zu sehen gegeben, in größer auch hier, hier und hier (auch hier und von anderen in derselben Fylke hier und hier und sogar viel weiter südlich bei Ålesund aufgenommen). Was will man mehr … [Daniel Fischer. NACHTRAG: weitere Parallel-Aufnahmen aus der Nähe hier und hier sowie die Allsky-Bilder von EISCAT und Magnetometer-Daten aus Tromsø]

Mit dem Linienbus zum Substurm

23:01 MEZ: 15 Sekunden bei Blende 2.8 und ISO 400

Gestern wieder eine klare Nacht, Ausschläge der Magnetometer im Norden und grüne Bänder auf einer Live-Allsky-Kamera in der Nachbarschaft schon kurz nach Dämmerungsende: Das konnte nur den Aufbruch zur mutmaßlich besten Beobachtungsstelle auf der dicht besiedelten Insel Tromsøya bedeuten, zu einem bereits gegen Mittag ausgekundschafteten Abschnitt der SW-Küste bei der Telegrafbukta. Doch bis dort ein Substurm gegen 23:00 MEZ die obige Pracht an den Westhimmel malte, die es mit den besten Minuten der Beobachtung am Abend zuvor auf See aufnehmen konnte, war Geduld gefragt …

Der Schauplatz einen halben Tag vorher: Blick nach Westen am Folkeparken Tromsøs vorbei in Richtung der Insel Kvaløya. Ein Standort, der von der Innenstadt aus mit der Buslinie 34 in einer Viertelstunde zu erreichen ist. Abfahrt hier spätabends halbstündlich, letzter Bus um 23:52 MEZ.

21:33 MEZ: 10 Sekunden bei Blende 2.8 und ISO 800

Der Anblick kurz nach der Ankunft, aus dem Windschatten des oben zu sehendes Häuschens: Der Blick geht entlang des Aurora-Ovals weit nach Westen. Zwar einige Aktivität, aber die Lichtverschmutzung durch Tromsø von rechts verschluckt doch manches schwache Detail. Außerdem driften zeitweise von der Stadt beleuchtete Wolken durch’s Feld.

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21:41 und 22:08 MEZ: 15 bzw. Sekunden bei Blende 2.8 und ISO 800

Das Polarlicht blieb zwar zunächst durchweg schwach, verändert aber fortwährend seine Gestalt, so dass keine Langeweile aufkam. Doch ob es noch einmal zu einem Substurm wie früh am Abend kommen würde, wusste noch niemand. Und alle halben Stunden lockte ein Bus zurück in’s Warme …

22:23 MEZ: 20 Sekunden bei Blende 2.8 und ISO 800

Hoffnung auf mehr Action keimt auf: Das Band wird deutlich heller und kommt in schnellere Bewegung (hier natürlich verwischt), oft die Vorankündigung einer besonders aktiven Phase. Zeitweise schlängelt sich das Band auch quer über den Himmel, dann verblasst es wieder.

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22:43, 46 und 51 MEZ: 15 Sekunden bei Blende 2.8 und ISO 800

Im Laufe des Abends verlagerte sich die Aktität kontinuierlich weiter südwärts und die Kameras schwenkte mit: Links ist bereits der Orion zu sehen. Zwar viele Strukturen, aber an hellen fehlt es. Daher der Entschluss, zum Bus um 22:55 zu gehen – aber denkste …

22:54 MEZ: 15 Sekunden bei Blende 2.8 und ISO 400

Auf halbem Weg zur Haltestelle plötzlich im Osten sehr helle Aurora-Schlaufen – hier in der Hektik viel zu lang belichtet, so dass sie sich über eine große Fläche verschmiert haben. Im Vordergrund das alte Aquarium der Universität.

22:58 MEZ: eine (!) Sekunde bei Blende 2.8 und ISO 400

An besagter Haltestelle angekommen plötzlich in allen Richtungen helles Polarlicht – unmöglich, die verschiedenen Aspekte auch nur annähernd einzufangen. Praktischerweise hatte der Bus etwas Verspätung, so dass das Einsteigen knapp verhindert werden konnte: schnell zurück vor das Aquarium …

23:00 und 02 MEZ: 15 bzw. 13 Sekunden bei Blende 2.8 und ISO 400

… und gerade zur rechten Zeit für den hellsten Substurm dieser Stunden, in atemberaubender Pracht wieder über dem Westhorizont aufgetürmt! Das Aufmacherbild liegt zeitlich zwischen diesen beiden Aufnahmen.

23:07, 08 und 09 MEZ: 15 Sekunden bei Blende 2.8 und ISO 400

Hier auch mal bei der ausgeharrt habenden Beobachter mit im Bild, während sich die Struktur des Polarlichts und seine – nur der Kamera erkennbaren – Farben schon wieder verändert haben.

23:14 MEZ: 13 Sekunden bei Blende 3.2 und ISO 800

Das Abschiedsbild – der Bus um 23:22 sollte es dann schon sein – mal zur Abwechslung nicht mit maximalem Weitwinkel sondern heran gezoomt auf 44 (statt 25) mm KB-Äquivalentbrennweite. Wie sich später herausstellte, hatten wir den aktiven Abend schnellerem Sonnenwind aus einem koronalen Loch zu verdanken: Die prächtigen Aufnahmen hier, hier und hier enstanden bei dunklerem Himmel auf Kvaløya selbst und diese eine Insel weiter nördlich – und die Allsky-Kamera zeigte während des besten Substurms dieses Bild. [Daniel Fischer. NACHTRÄGE: die Allsky-Bilder von EISCAT und Magnetometer-Daten aus Tromsø - und das 1. Bild landete hier auf Platz 11 ...]

Polarlicht-Spektakel auf Hurtigruten-Spritztour

Über 30 Wintertage ist dieser Blogger nun schon 2011-13 auf der Hurtigruten entlang der norwegischen Küste geschippert, und bei jeder der drei Reisen gab es herausragende Aurora-Displays zu genießen – jetzt war er gerade einmal vier Stunden auf der MS Nordkapp unterwegs, zwischen Skjervøy und Tromsø (das diesmal den festen Standort der Polarlicht-Expedition bildet) nahe 70° Nord, und was gestern Abend geboten wurde, spielte in der gleichen Liga. Wie immer geben die lange belichteten Bilder das volle – und mitunter in rasanter Bewegung befindliche und den ganzen Himmel erfassende – Erscheinugsbild nur sehr andeutungsweise wieder, dafür aber bunter als was das Auge sieht …

Nach dem Verlassen von Skjervøy war lange nur ein extrem schwaches unstrukturiertes Glimmen am Nordhorizont zu erahnen gewesen, aber lang belichtete Fotos zeigten, dass es allmählich interessanter wurde. Und plötzlich dann das (21:19 MEZ: 15 Sek. ISO 1600; alle Aufnahmen mit Blende 2.8 und KB-Äquiv.-Brennweite 25 mm, teilweise beschnitten).

Nur durch Zufall entdeckt und dann systematisch aufgenommen: eine vom westlichen Ende des Aurorabogens aus senkrecht hoch in den Himmel ragende rote Säule, wegen ihrer Farbe für das Auge kaum zu erkennen, fotografisch aber um so überraschender (21:28 MEZ: 30 Sek. ISO 1600).

22:08 MEZ: 30 Sek. ISO 1600.

22:11 MEZ: 20 Sek. ISO 1600.

22:18 MEZ: 20 Sek. ISO 1600.

Die Farben Grün und Rot sind immer echt, das Blau allerdings ist Qualm des Schornsteins (22:26 MEZ: 30 Sek. ISO 800).

Während das Display über lange Strecken zwar lichtschwach blieb, kam es immer wieder zu rasantem Anstieg der Helligkeit einzelner Strukturen, die gleichzeitig auch wuchsen und in Bewegung gerieten – es war nur mit Mühe möglich, die Belichtung anzupassen (zweimal 22:34 MEZ: 8 Sek. ISO 1600).

22:42 MEZ: 15 Sek. ISO 1600.

22:43 MEZ: 15. Sek. ISO 800.

22:44 MEZ: 15 Sek. ISO 800.

23:01 MEZ: 15 Sek. ISO 1600.

23:04 MEZ: 6 Sek. ISO 800.

Zweimal 23:05 MEZ: 4 Sek. ISO 800.

23:10 MEZ: 6 Sek. ISO 1600.

Mit der Annäherung an Tromsø wurde das Display wieder diffuser (23:12 MEZ: 13 Sek. ISO 1600), und weite Teile des Himmels zeigten nun fotografisch einen Grünton. Magnetometrisch korrespondierte der ganze Ausbruch mit einer signifikanten isolierten Störung in “unserem” Breitenbereich – aber der (globale) Kp-Wert blieb bei … eins. [Daniel Fischer. NACHTRÄGE: noch drei Bilder hier, hier und hier - und offenbar dasselbe Display, von Tromsø selbst aus aufgenommen (mehr und mehr) sowie auf den Inseln Kvaløya (mehr) und Andøya und in Nordschweden (mehr) - und aus der Luft ab England. Plus die Allsky-Bilder einer Kamera bei EISCAT und Magnetometer-Daten aus Tromsø]

Drei Jahrzehnte deutsche Kometenforschung live auf der Bühne

Veteranen der deutschen Kometen-Forschung vor Ort bis in die Halley-Tage zurück gaben sich gestern auf dem 26. Raumfahrt-Kolloquium an der FH Aachen – hier eröffnet von deren Rektor M. Baumann – die Klinke in die Hand, das den Bogen von den direkten Besuchen bei Kometenkernen seit 1986 bis zu den großen Erwartungen an die Rosetta-Mission spannte: Die sieben ausführlichen Vorträge erwiesen sich als geradezu komplementär zu den Präsentationen auf dem ESA-Briefing zu Rosetta zwei Tage früher und förderten manch neuen Aspekt zutage.

Den Anfang machte Diedrich Möhlmann, früher beim Institut für Planetenforschung des DLR in Berlin und noch früher eine treibende Kraft der Planetenforschung in der DDR – und immer noch aktiv: Nächstes Jahr erscheint ein Buch von ihm zur Rosetta-Mission, in dem, so Möhlmann geheimnisvoll zu diesem Blog, auch Wurzeln der aktuellen Mission in der DDR aufgezeigt werden sollen.

Auf eine fulminante Reise zu den fünf Kometenkernen, derer im Vierteljahrhundert 1986 bis 2010 Sondenkameras aus der Nähe ansichtig wurden, nahm Horst Uwe Keller (jetzt TU Braunschweig) das Publikum mit, der selbst die Kamera von Giotto konstruiert hatte – für die mehr Software erforderlich war als für die Sonde selbst und alle anderen Instrumente zusammen, musste sie noch von einem rotierenden und 70 km/s schnellen Raumfahrzeug aus auf den Kometenkern nachführen. Der Erkenntnisgewinn von Mission zu Mission war groß, aber die offen gebliebenen Fragen – v.a. zum Innenleben und Verhalten der Kometenkerne – sind es auch.

Eine völlig andere Perspektive auf moderne Planetenforschung bot Klaus Wittmann, der eigentlich im Ruhestand immer noch Vorlesungen zum Management von Missionen an der FH hält – und in der Anfangsphase für jenes verwegene Projekt zuständig war, aus dem nach manchen Wirrungen der Kometenlander Philae auf Rosetta wurde: Nicht oft benutzt ein (ehemals führender) Manager eines laufenden Raumfahrtunternehmens das Adjektiv “chaotisch” in einem öffentlichen Vortrag, verschwanden doch immer wieder Projektpartner und traten neue dem Konsortium bei.

Wie auch Keller betonte Martin Hilchenbach (MPI für Sonnensystemforschung), dass sich die wissenschaftlichen Fragestellungen für Rosetta verschoben haben, seit insbesondere die von Stardust mitgebrachten stark erhitzten Kometen-Staubteilchen bewiesen, dass keineswegs nur unveränderte Urmaterie des Sonnensystems in Kometenkernen zu finden sein wird – namentlich denjenigen der Jupiter-Familie, die sich wegen ihrer bekannten Bahnen und häufigen Wiederkehr als einzige für Sondenbesuche eignen.

Koen Geurts vom DLR in Köln, wo wesentliche Steuer-Aufgaben für Philae erledigt werden sollen, erläuterte die Herausforderungen der ersten Kometenlandung – wenn der Komet denn auch “feindlich” sein muss – und die detaillierte Planung: So soll während des mehrstündigen Abstiegs des Landers tatsächlich Kontakt mit Rosetta gehalten werden.

Wiederum ein Veteran aus Giotto-Tagen – und langjähriger Mission Manager von Rosetta – war Gerhard Schwehm, der über künftige Asteroiden- und Kometen-Missionen sprach: ein gemischtes Thema, da erstere zwar von mehreren Ländern vorangetrieben (aber in den USA zunehmend in Planungen der bemannten Raumfahrt aufgesaugt) werden, während nennenswerte Kometenmissionen nach Rosetta nicht in Sicht sind.

Zum Schluss ging noch die Patin der deutschen Exobiologie, Gerda Horneck (früher DLR Köln) auf die mögliche Rolle von Kometen bei der Entstehung des Lebens hier & anderswo ein: Zumindest der Masseneintrag organischer Materie durch abstürzende Kometenkerne ist enorm, doch wann, warum und wie der Funke des Lebens zündet, ist so unklar wie eh und je. In einem Jahr wird ein Großteil der Rosetta-Mission schon Geschichte sein und sicher auch bald wieder Thema der alljährlichen Aachener Kolloquien, wo die Mission auch schon in vergangenen Jahren mehrfach eine Rolle spielte – auch das ein Zeichen für ihre Bedeutung in der europäischen Raumfahrt.

Jetzt Komet Lovejoy gucken, so lange es noch geht!

15 sec. bei Blende 3.9 mit ISO 1600 und 230 mm KB-Äquiv.-Brennweite, halbe Auflösung

10 sec. bei Blende 3.9 mit ISO 1600 und 205 mm KB-Äquiv.-Brennweite, Viertel Auflösung

15 sec. bei Blende 3.4 mit ISO 800 und 86 mm KB-Äquiv.-Brennweite, stark verkleinert

Nachdem der viel beschworene Komet ISON sein Perihel vorgestern zwar noch ein wenig überlebte, seither aber in rasanter Auflösung begriffen ist, kommt als “Trostpreis” der von Anfang an als ‘Zweitobjekt’ betrachtete C/2013 R1 (Lovejoy) gerade recht, der inzwischen selbst deutschen Zeitungen aufgefallen ist. Heute morgen gegen 3:00 MEZ konnte dieser Blogger den Kometen bei guten Bedingungen aus Königswinter beobachten: Im 11×70-Feldstecher war er schon ohne Aufsuchkarte und nur bei vager Kenntnis der Position irgendwo in der Verlägerung der Deichsel des Großen Wagens leicht zu finden, als erstaunlich flächenhelles diffuses Scheibchen mit schwachem schmalem blassem Schweif senkrecht nach oben. Letzterer ließ sich selbst mit stehender Bridge-Kamera andeutungsweise einfangen und die Koma sogar ganz leicht; die aktuell noch hohe Deklination erlaubte Belichtungszeiten im 10-Sekunden-Bereich.

Mit Lovejoy, der z.Z. zwischen 4.5 und 5.0 mag. geschätzt wird, geht es nun allerdings steil bergab: Das Sichtfenster schließt sich allmählich! In der ersten Dezemberwoche steigt der Komet bis zum Beginn der Morgendämmerung noch auf 35-40° Höhe und steht am Ende der Abenddämmerung noch 20° hoch, am Ende der zweiten sind die entsprechden Höhen auf 30° bzw. 15° gesunken, und es gibt auch fast keine mondlosen dunklen Zeitfenster mehr. Die Helligkeit sollte in den kommenden zwei Wochen aber nur sehr langsam zurück gehen – und v.a. Astrofotografen dürften weiterhin ihre Freude an Lovejoy haben: aktuelle Bilder z.B. hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier oder hier – oder auch mal mit kurzer Brennweite und Landschaft oder über einem Polarlicht. Wer doch lieber eine richtige Aufsuchkarte hätte: Hier gibt es immer welche für die jeweils aktuellen hellen Kometen, alternativ speziell für Lovejoy auch hier oder hier. [Daniel Fischer]

SoFi-Safari in Uganda (3/3): zurück zur Perle Afrikas?

Sonnenaufgang über dem Victoria-Nil im Murchison Falls National Park

Ein Nektarvogel im Queen Elizabeth National Park

Zuschauer während einer Reifenpanne vor Fort Portal

Typische Straße alten Stils, irgendwo im Westen Ugandas

Hippos im Lake Mburo – da längst schon ein ‘typischer’ Anblick

Was bleibt als Fazit von zwei Wochen Reise kreuz und quer durch ein ostafrikanisches Land – Alben mit über 650 Bildern hier verlinkt – anlässlich von ein paar Sekunden Sonnenfinsternis? Wieder einmal, wie so oft in den vergangenen 30 Jahren, von der unerbittlichen Achse des Mondschattens in ein Land gelockt, das man sonst (und auch in dieser Jahreszeit) wahrscheinlich nicht so schnell aufgesucht hätte, kann gesagt werden: Uganda, das in den 1970-er und 80-er Jahren selbst für afrikanische Verhältnisse ungewöhnlich harte Zeiten durchgemacht hat, könnte wieder auf dem Weg zur einst besungenen “Perle Afrikas” sein. Schon jetzt hat das Land eine überbordende Tiervielfalt zu bieten, konzentriert in Nationalparks, deren Infrastruktur kaum noch zu wünschen übrig lässt, abwechslungsreiche Landschaften mit reichlich Wasser und freundliche Menschen, die erwartungsvoll in die Zukunft schauen, die u.a. gar mit einem Öl-Boom ab ca. 2017 einher gehen könnte. Problematisch derzeit vielerorts leider noch die Qualität der Straßen zwischen den Attraktionen, gerade jetzt in der (Kleinen) Regenzeit, aber es heißt, in den nächsten fünf Jahren werde sich da viel tun.

Just in den Wochen um die Sonnenfinsternis kam auch direkt jenseits der Grenze zur DR Kongo ein Bürgerkrieg zu seinem Ende – wenn auch nur einer von vielen – und zeichnete sich überraschend das endgültige Ende eines Schreckens ab, der vor noch nicht langer Zeit genau in der Zone der November-Finsternis gewütet hatte: Dass man inzwischen auch wieder im Norden Ugandas Spaß haben könne, war sogar eine Botschaft gewesen, die mit der Finsternis gerne kommuniziert worden war. Beeindruckt hat schon jetzt insbesondere das Bildungsniveau quer durch alle Altersgruppen und Schichten: immer wieder detaillierte Fragen zur Sonnenfinsternis und ihren Besonderheiten – und ein Ansturm überwiegend Einheimischer in die entlegene SoFi-Zone, wie er in der ‘Dritten Welt’ keineswegs die Regel ist. Den kommenden Boom des Subsahara-Afrikas, just seit dieser Woche Gegenstand einer Spiegel-Serie, konnte man schon während dieser Reise spüren. Und wer weiß, vielleicht etabliert sich in Uganda – in wettermäßig verlässlichere Monaten, die insbesondere Juli und August sein sollen – auch einmal ein kleiner Astrotourismus: Das Rahmenprogramm könnte es jedenfalls spielend mit Namibia aufnehmen … [Daniel Fischer]

Noch eine Woche bis zum Perihel von ISON!

Schon im Mai und im Oktober wurde hier ausführlich vorstellt, was wir vom Kometen ISON erwarten können, und im Großen und Ganzen hat er sich an die ‘Fahrpläne’ gehalten: Seine Helligkeit beträgt heute 3.7 bis 3.9 Größenklassen, und in den letzten Wochen hat sich ein beachtlicher (Plasma-)Schweif entwickelt, wie zahlreichen hier, hier und hier (19. und 21. November) verlinkten Bildern zu entnehmen ist. Unter guten Bedingungen war ISON auch heute noch in der Morgendämmerung zu sehen, insbesondere in den Bergen oder in Namibia, doch das aktuelle Sichtfenster schließt sich unerbittlich: Bald werden nur noch die Sonnensatelliten Sicht auf den Kometen haben, der Klassiker SOHO und die zwei STEREO-Satelliten, mit denen eine Menge geplant ist. Im Gesichtsfeld der Weitwinkelkamera HI-1 auf STEREO A ist ISON gerade aufgetaucht (Mitte: ganz links), aber richtig spannend wird es, wenn er ab dem 26. November auch in die Felder der hochauflösenden Koronografen tritt: unten die Bahn durch die LASCO-Gesichtsfelder von SOHO. Aus dem Eindruck, den er dabei hinterlässt, wird sich wohl abschätzen lassen, ob – v.a. am 29. November – ein nicht ungefährlicher Beobachtungsversuch am Taghimmel lohnt. Und ob sich eine ordentliche Schweifentwicklung für die erste Dezemberwoche abzeichnet: Nur sie könnte aus ISON einen Großen Kometen wachsen lassen. [Daniel Fischer. NACHTRAG: ein detaillierter NASA-Artikel zu den Plänen]

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