Ein Paradigmen-Wechsel der Physik … verkündet in Bergisch-Gladbach

Wir hatten einmal ein “sauberes Universum”, aber dann zwangen die Beobachtungen die Kosmologen, Inflation, Dunkle Materie und Dunkle Energie dazu zu packen: Jetzt ist das “Bild schmuddelig”, und in der Teilchenphysik ist es nicht viel anders. Und deswegen ist in der Physik der nächste große “Paradigmen-Wechsel” absehbar, der “zu einem neuen Bild des Universums” führend wird, “viel, viel sauberer”. Sagt Jocelyn Bell Burnell, 69, Entdeckerin der Pulsare vor 45 Jahren, beim Nobelpreis übergangen, heute eine der profiliertesten Figuren der britischen Astronomie – und diese Woche Stargast auf der Konferenz “from quantum to cosmos 5″ in Bergisch-Gladbach wie auch dem zugehörigen Pressegespräch “Die Zukunft der Astronomie” am 11. Oktober.

Die ungewöhnliche Tagung, bei der jetzt Quanten-, Gravitations- und Astrophysiker zum ersten Mal direkt aufeinander los gelassen wurden, empfand sie zwar als anstrengend aber auch höchst stimulierend, und sie hatte sie wohl in ihrer Auffassung bestärkt, dass hinter den großen Rätseln der Gegenwart noch größere Antworten lauern. Insbesondere die Aufklärung der Natur der Dunklen Materie werde entscheidend sein, prognostiziert Bell, auch wenn das vielleicht nicht mehr zu ihren Lebzeiten passieren werde. Denn mit dem Verständnis der – in der kosmischen Balance dominanten – DM würden wir mit einem Schlag “fünfmal mehr Physik lernen”: eine für sie fantastische Aussicht, vor der aber auch so mancher Kollege Angst habe, der dann quasi “wieder auf’s College gehen” müsse …

Zu dem bunt gemischten Vierer-Panel – dem übrigens genau so viele Pressevertreter gegenüber saßen, dieser Blogger inklusive – gehörten weiterhin (von links)

  • Michael Kramer, Direktor am MPI für Radioastronomie in Bonn, der bestätigte, dass Deutschland noch diesen Monat formell zum Riesenprojekt Square Kilometer Array dazu stoßen werde (die finanzielle Seite wird praktischerweise erst später geklärt) und der es ebenfalls begrüßte, das die Weltraumforscher und Physiker “endlich mal miteinander sprechen,” schließlich sei der Weltraum ja ein ideales Labor,

  • Fritz Merkle vom Vorstand von OHB, der jetzt Raumfahrtsysteme entwickelt aber vorher maßgeblich bei den neuen Großteleskopen der ESO involviert war und jetzt für die Beteiligung der Industrie an komplexer Grundlagenforschung warb, was “die Königsklasse” der Aufträge sei aber auch die riskanteste (weshalb zunehmend Innovationen für neue Superteleskope geheim gehalten werden, etwa beim E-ELT), und

  • Hansjörg Dittus, DLR-Vorstandsmitglied für den Bereich Raumfahrtforschung und -technologie: Er machte sich dafür stark, dass Europe in Schlüsselbereichen einfach das Größte haben müsse, um zu beweisen, “dass wir was können” – die Popularität des nur dadurch auffallenden Airbus A380 sei dafür ein schlagender Beweis. Ein entsprechendes Super-Projekt der Weltraumforschung, das man jetzt angehen solle, wusste er allerdings nicht zu benennen: Die u.a. auch von Kramer gewünschten Satelliten eLISA zum Nachweis von Gravitationswellen, die es dieses Jahr bei der ESA nicht geschafft hatten, sieht er wegen noch fehlender wichtiger Technologien nicht vor dem Jahr 2025 auf der Startrampe.

Einig waren sich alle Panelisten auch darin, dass gerade Astronomie der Wissenschaft ‘gute Presse’ bringt und das bereits ein Wert an sich sei.

Nach der Pressekonferenz konnte dieser Blogger noch etwas am Konferenzgeschehen in den edlen Räumen des Grandhotels im Schloss Bensberg teilnehmen, von dem aus man tatsächlich – wie versprochen – in der Ferne den Kölner Dom sehen kann. Dabei war u.a. zu erfahren, dass der Satellit LARES die Allgemeine Relativität exzellent bewiesen hat (was vorher wahrscheinlich noch nie öffentlich verkündet worden war), dass für die Zukunft der Exoplaneten-Forscher der Satellit PLATO genau das Richtige wäre – und dass das kaum bekannte Riesen-Röntgenteleskop eROSITA bereits Form angenommen hat, im MPE in Garching, und 2014 tatsächlich starten soll. Und der Blogger traf völlig überraschend einen Klassenkameraden aus Abiturtagen wieder, mit dem er 1983 spontan nach Hamburg gefahren war, um den Teilchenbeschleuniger beim DESY zu besuchen – der ist jetzt ein Quanten-Professor in Wien, wo er mit Verwandten von Schrödingers Katze experimentiert … [Daniel Fischer]

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Veröffentlicht am 13. Oktober 2012 in Ausflugsbericht, Forscher der Region, Veranstaltungsbericht und mit , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

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